DOKUMENTATION

Geschenke vom Onkel aus Amerika
 
Ich verstehe nicht, warum Amerika das Recht hat, einen Kreuzzug zu führen. Eine Polemik

Von Viktor Jerofejew


Bisher war Amerika so etwas wie der gute Onkel, in der Ferne lebend, aber ein naher Freund der Familie, ein immer gern gesehener Gast. Ein Zauberer in buntem Hemd und Jeans, verwöhnt er uns seit frühester Kindheit mit teuren Geschenken, verteilt riesige Eistüten, scherzt, lacht, sorgt sich um unsere Gesundheit, bewahrt uns vor Kummer und vertreibt unsere Feinde.

Im Nachhinein verstehen wir natürlich, dass der Onkel naiv war, immerzu allen möglichen Mist aß, idiotische Lieder hörte und uns mit seinen oberflächlichen Ansichten befremdete. Aber er hatte einen enormen Vorschuss an Zuverlässigkeit, Gediegenheit und mutigem Stil. Als Erbauer der eigenen Zivilisation strahlte er Ehrlichkeit aus. Mit ihm konnte man diskutieren. Bei ihm sahen wir aufrichtige Absichten und stabile ethische Strukturen.

Und plötzlich stellt sich heraus, dass der Onkel suspekten Aktivitäten nachgeht, seine wahren Absichten verdunkelt und sich verstellt. Sein Lächeln flößt nicht mehr das gewohnte Wohlwollen ein. Er ist, wie sich herausstellt, ein Gangster und Blutsauger, ihm droht Gefängnis. Und die ganze Kindheit zeigt sich in anderen Farben, die Geschenke erscheinen nicht mehr als Geschenke, die Besorgnis als pure Heuchelei.

Bisher konnte Amerika irgendwie eine Rechtfertigung finden, die sich auf Gesetzestreue stützte. Den Vietnamkrieg konnte man ideologisch zwar nicht gerade rechtfertigen, aber doch zumindest als Verteidigung bestimmter Werte interpretieren, als Selbstverteidigung. In der Sowjetzeit warf Amerika sogar auf mich, den kleinen literarischen Dissidenten aus Moskau, ein Licht der Hoffnung: Die amerikanische Botschaft lud mich von Zeit zu Zeit ein, französischen Wein zu trinken und blutige Steaks zu essen, um beim Dinner über die Freiheit des Wortes zu sprechen.

Aber das Verhalten Amerikas im Irak ist auf keine Weise zu legitimieren. Amerika erlaubt jetzt jedem, der Macht und Möglichkeiten hat, denjenigen zu vernichten, der ihm unliebsam erscheint. Mir ist das Saddam-Regime widerwärtig. Mir ist der islamische Fundamentalismus unangenehm. Ich habe am Abend des 11. September 2001 Blumen zur amerikanischen Botschaft gebracht. Aber ich verstehe nicht, warum Amerika das Recht hat, einen Kreuzzug gegen ein weitaus schwächeres und ärmeres Land zu führen. Saddam ist ein Sandkorn in der arabischen Geschichte, die den derzeitigen Krieg nicht als Befreiung, sondern als Vergewaltigung in Erinnerung behalten wird. Für mich ist die Untergrabung des Vertrauens gegenüber Amerika eine Aufforderung, in einer neuen Wirklichkeit zu leben, eine psychologische Ohnmacht.

Meinen lieben Onkel Amerika hat man am 11. September vergewaltigt. Das tat ihm weh im Hintern. Der Onkel ist gekränkt, erniedrigt, beleidigt. Jetzt hat er freie Bahn. Er fuchtelt mit seinem Knüppel herum. Seine Backen sind voller Blut. Aber für mich ist er nicht mehr der gute Onkel.


Aus dem Russischen übersetzt von Beate Rausch. Viktor Jerofejew lebt in Moskau. Er zählt zu den wichtigsten russischen Gegenwartsautoren

Artikel erschienen am 4. Apr 2003
 
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