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Debatte um Globalisierung

Essay von Mario Vargas Llosa (1936-, spanisch-peruan. Romancier und Politiker).
Nebst einer Meldung der iranischen Nachrichtenagentur IRNA.


Die Freiheit in den Zeiten der Globalisierung (2001)
Mit dem Zusammenwachsen der Welt entstehen neue Kulturen und Identitäten
Von Mario Vargas Llosa


Die massivsten Attacken gegen die Globalisierung richten sich normalerweise nicht gegen wirtschaftliche Zusammenhänge. Vielmehr sind sie sozialer, ethischer und kultureller Natur. Solche Argumente wurden 1999 während der Tumulte in Seattle laut und traten jüngst in Davos, Bangkok und Prag zu Tage.
 
Sie beruhen auf folgenden Annahmen: Das Verschwinden von nationalen Grenzen und das Aufkommen einer von Märkten vernetzten Welt wird regionalen Kulturen und ihren Traditionen, Gebräuchen, Mythen und Sitten den Todesstoß versetzen. Da der größte Teil der Welt nicht in der Lage ist, sich der Invasion von Kulturgütern aus den Industrieländern - vor allem aus den USA - zu widersetzen, wird sich letztlich die nordamerikanische Kultur breit machen und die Welt nach ihrem Vorbild standardisieren. Alle anderen Völker, nicht nur die kleinen und schwachen, werden ihre Identität und Seele verlieren und zu Kolonien eines neuen Imperialismus verkommen.
 
Diese Schreckensvision wird nicht allein von linken Politikern heraufbeschworen, die immer noch nicht von Marx, Mao und Che Guevara losgekommen sind. Dieser Verfolgungswahn - getrieben vom Hass und Zorn gegen den nordamerikanischen Riesen - ist auch in den Industrieländern in allen politischen Lagern anzutreffen.
 
Das berühmteste Beispiel ist Frankreich, wo die Regierung immer wieder Kampagnen zur Verteidigung der "kulturellen Identität" durchführt. Obgleich ich dieses Argument gegen die Globalisierung nicht teile, sollten wir erkennen, dass ihm eine unbestreitbare Wahrheit zu Grunde liegt. Die Welt, in der wir leben, wird weniger malerisch sein und weniger Lokalkolorit enthalten als früher. Die Festivitäten, Kostüme, Gebräuche, Zeremonien, Rituale und Glaubensrichtungen, die der Menschheit in der Vergangenheit ihre folkloristische und ethnologische Mannigfaltigkeit verliehen, sind im Verschwinden begriffen. Alle Länder der Erde durchlaufen diesen Prozess, der jedoch nicht auf die Globalisierung zurückzuführen ist, sondern auf die Modernisierung, wovon erstere eine Folge ist und nicht die Ursache.
 
Sicherlich kann man diese Entwicklung bedauern und nostalgisch werden angesichts des Niedergangs früherer Lebensweisen, die - besonders aus unserem jetzigen bequemen Blickwinkel - voller Vergnügen, Originalität und Farbe gewesen zu sein scheinen. Aber der Prozess ist nicht aufzuhalten. In ihrer Angst, jede Öffnung nach außen könne ihren Untergang bedeuten, schotten sich totalitäre Regime wie Kuba oder Nordkorea ab und lassen Verbote und Zensurmaßnahmen gegen das Moderne ergehen. Doch selbst sie können die Unterwanderung ihrer so genannten kulturellen Identität durch die Moderne nicht verhindern.
 
Es ist wahr, dass die Modernisierung viele Formen des traditionellen Lebens verdrängt. Aber gleichzeitig bedeutet sie für eine Gesellschaft einen wichtigen Schritt nach vorn. Darum entscheiden sich auch Völker, wenn man ihnen die freie Wahl lässt, oft sogar gegen den Willen der politischen Führer oder Traditionalisten ihres Landes für die Modernisierung.
 
Die Argumente gegen die Globalisierung und für eine stabile kulturelle Identität künden von einer statischen Vorstellung von Kultur, die jeder historischen Basis entbehrt. Welche Kulturen sind im Lauf der Zeit je identisch und unverändert geblieben? Um sie zu finden, müssten wir bei den kleinen und primitiven magisch-religiösen Gemeinschaften suchen, die auf Grund ihrer Rückständigkeit immer anfälliger für Unterdrückung und Ausrottung werden. Alle anderen Kulturen sind in ihrer Entwicklung so weit fortgeschritten, dass sie nur noch ein ferner Abglanz der Verhältnisse sind, wie sie noch vor zwei oder drei Generationen herrschten.
 
Diese Entwicklung ist ganz augenfällig in Ländern wie Frankreich, Spanien und England, wo die Veränderungen während des letzten halben Jahrhunderts so spektakulär und tief greifend waren, dass ein Marcel Proust, ein Federico García Lorca oder eine Virginia Woolf heute kaum die Gesellschaften wieder erkennen würden, in die sie hineingeboren wurden - Gesellschaften, zu deren Erneuerung ihre Werke so sehr beitrugen.
 
Die Vorstellung von "kulturellen Identitäten" ist gefährlich. In sozialer Hinsicht repräsentiert sie ein zweifelhaftes, künstliches Konzept, und aus einer politischen Perspektive heraus gesehen, bedroht sie die wertvollste Errungenschaft der Menschheit: die Freiheit. Ich bestreite nicht, dass Menschen, die dieselbe Sprache sprechen, in derselben Region geboren wurden und leben, mit denselben Problemen konfrontiert werden, dieselbe Religion und dieselben Gebräuche praktizieren, auch gemeinsame Eigenschaften haben. Aber dieser kollektive Nenner kann nie vollständig jeden Einzelnen von ihnen definieren, und er führt nur dazu, die Eigenschaften, durch die sich ein Mitglied der Gruppe von einem anderen unterscheidet, zu verwischen.
 
Das Konzept der Identität, solange es nicht auf einen ausschließlich individuellen Maßstab angewandt wird, ist in sich reduzierend und entmenschlichend, eine kollektivistische und ideologische Abstraktion all dessen, was beim Menschen originell und schöpferisch ist und was ihm nicht durch Vererbung, Geographie oder gesellschaftlichen Druck auferlegt wurde. Vielmehr entspringt die wahre Identität des Menschen der Fähigkeit, diesen Einflüssen mit selbstbestimmtem Handeln entgegenzutreten.
 
Die Vorstellung einer "kollektiven Identität" ist ein ideologischer Mythos und der Nährboden des Nationalismus. Für viele Ethnologen und Anthropologen stellt die kollektive Identität nicht einmal in archaischen Gemeinschaften ein Abbild der Wirklichkeit dar. Gemeinsame Gebräuche und Traditionen mögen für die Verteidigung einer Gruppe lebensnotwendig sein, aber der Handlungsspielraum an Initiative und Kreativität, innerhalb dessen sich die Mitglieder von der Gruppe emanzipieren können, ist unverändert wirkungsmächtig. Die individuellen Unterschiede werden sich immer gegenüber den kollektiven Eigenschaften durchsetzen, wenn man Personen um ihrer selbst willen untersucht und nicht bloß als periphere Elemente eines Kollektivs.
 
Die Globalisierung ermöglicht allen Bürgern dieses Planeten, sich durch freiwilliges Handeln ihre eigene kulturelle Identität zu schaffen. Heute sind Bürger nicht immer verpflichtet, wie in der Vergangenheit und vielerorts in der Gegenwart, eine Identität zu respektieren, die sie wie ein Gefängnis umgibt, aus dem sie nicht entkommen können - jene Identität, die ihnen von der Sprache, Nation, Kirche und den Gebräuchen ihres Geburtsorts aufgezwungen wird. So müssen wir die Globalisierung befürworten, weil sie die individuelle Freiheit beträchtlich erweitert.
 
Die Angst vor einer Amerikanisierung des Planeten entspringt mehr einer ideologischen Paranoia als der Realität. Natürlich besteht kein Zweifel daran, dass mit der Globalisierung Englisch zur Verkehrssprache unserer Zeit geworden ist, so wie es im Mittelalter das Latein war. Und es wird als Instrument internationaler Kommunikation seinen Siegeszug fortsetzen. Aber muss das Englische auch unweigerlich die anderen großen Sprachen verdrängen? Das Gegenteil ist der Fall.
 
Das Verschwinden von Grenzen hat Anreize geschaffen, von anderen Kulturen zu lernen und sich an sie anzupassen, nicht nur zum Spaß, sondern auch, weil die Fähigkeit, mehrere Sprachen zu sprechen und sich mühelos in anderen Kulturen zu bewegen, ein wichtiger Faktor für den beruflichen Erfolg geworden ist. Nehmen wir zum Beispiel Spanisch. Vor einem halben Jahrhundert waren Spanisch sprechende Menschen eine in sich geschlossene Gemeinschaft; wir bewegten uns nur sehr begrenzt über unseren sprachlichen Rahmen hinaus. Heute ist Spanisch eine dynamische und erfolgreiche Sprache, die Brückenköpfe, ja riesige Bastionen auf allen fünf Kontinenten erobert. Die Tatsache, dass es heute in den USA etwa 25 bis 30 Millionen Spanisch sprechende Menschen gibt, erklärt, warum bei der Kandidatur um das amerikanische Präsidentenamt George W. Bush und Al Gore ihren Wahlkampf auch auf Spanisch geführt haben.
 
Wie viele Millionen junger Männer und Frauen weltweit haben sich der Herausforderung der Globalisierung gestellt, indem sie Japanisch, Deutsch, Hochchinesisch, Kantonesisch, Russisch oder Französisch lernten? Glücklicherweise wird sich dieser Trend in den kommenden Jahren noch verstärken. Darum besteht die beste Verteidigung unserer eigenen Kulturen und Sprachen darin, sie überall auf dieser neuen Welt nach Kräften zu verbreiten, und nicht, an der naiven und falschen Vorstellung festzuhalten, sich gegen die Bedrohung des Englischen schützen zu müssen. Wer solche Lösungen vorschlägt, redet viel von Kultur, aber ist häufig nur ein Ignorant, der seine wahre Berufung verschleiern will: den Nationalismus. Und wenn es etwas gibt, was sich mit dem Hang der Kultur zur Vielseitigkeit nicht verträgt, dann ist es jene engstirnige und ausgrenzende Vision, die die nationalistischen Perspektiven dem kulturellen Leben überstülpen wollen.
 
Die großartigste Lektion, die uns die Kulturen erteilen, ist, dass sie nicht von Bürokraten und Kommissaren geschützt werden oder hinter Gitter gesperrt oder von Zollbeamten in Quarantäne gesteckt werden müssen, um lebendig und fruchtbar zu bleiben. Im Gegenteil, solche Versuche würden die Kultur nur ausdörren oder gar überflüssig machen. Kulturen müssen sich frei entfalten und mit anderen Kulturen messen. Das ermöglicht es ihnen, sich weiterzuentwickeln und sich anzupassen. In der Antike hat das Latein das Griechische nicht zu Fall gebracht; im Gegenteil, die künstlerische Originalität und intellektuelle Tiefe der hellenischen Kultur hat die römische Zivilisation durchdrungen, und durch sie konnten die Verse Homers und die Philosophie eines Plato und eines Aristoteles die ganze Welt erreichen. Die Globalisierung wird die regionalen Kulturen nicht verdrängen, sondern für alles, was in den einzelnen Kulturen wertvoll und überlebenswert ist, ein fruchtbarer Boden sein.
 
In seinem berühmten Essay "Zum Begriff der Kultur" aus dem Jahre 1948 sagte T.S. Eliot voraus, dass die Menschheit eine Renaissance kleiner und regionaler Kulturen erleben würde. Zum damaligen Zeitpunkt wirkte seine Prognose gewagt. Aber auf Grund der Globalisierung wird sie sich im 21. Jahrhundert bewahrheiten, und darüber sollten wir froh sein. Die Wiedergeburt individueller und regionaler Kulturen wird der Menschheit den Reichtum an Verhaltens- und Ausdrucksweisen zurückgeben, welche der Nationalstaat seit dem 18. Jahrhundert für so genannte nationale kulturelle Identitäten ausgelöscht hat. Nationalkulturen wurden häufig mit brutaler Gewalt durchgesetzt. Die Lehre, Ausübung und Veröffentlichung der Umgangssprachen oder die Pflege von Religion und Bräuchen, die von denen abwichen, die der Nationalstaat zum Ideal erhob, wurden verboten.
 
Entgegen allen Unkenrufen ist es gar nicht so einfach, Kulturen vollständig auszuradieren, wenn hinter ihnen eine starke Tradition steht und Menschen, die sie ausüben. Heute können wir dank der Schwächung des Nationalstaats sehen, wie vergessene, marginalisierte und zum Schweigen gebrachte regionale Kulturen wieder zum Vorschein kommen und sich in der großen Vielfalt unseres globalisierten Planeten aktiv und dynamisch bemerkbar machen.
 
©Project Syndicate

Buchtipp:
"Authentizität und kulturelle Globalisierung" von Georg Stauth

Aus: DIE WELT
Freitag, 16. März 2001
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Golabalisation - für den Iran "progress" und "golden opportunity"

thr 027
 
Press-Globalization
 
Globalization, key to progress and advancement in Iran
Tehran, Dec 2, 2000 IRNA -- The English-language daily `Iran News' in its
editorial on Saturday noted with commendation that globalization
has not slowed down in pace, since the innumerable opportunities to
improve the lot of man, beast and flora is well within one's grasp.
Lauding the recent family reunions between South and North Korea
as an "end to half a century confrontation", the paper noted that
this process is indeed a part of the current "economic and social
globalization that has been adopted in China, Southeast Asia, Europe
and the vast America Continent."
With "barriers and frontiers" falling by the day, integration is
taking place on a wider scale, it commended, pointing out that this
covers the exchange of "technology, free movement of labor and
movement of capital."
Not only this, but the fact that integration, which is accompanied
by the elimination of cumbersome procedures, streamlining tariffs and
eliminating visa requirements is taken as a "rule" rather than an
"exception", it added.
Whether one focuses on the "21 Asian Pacific Economic Cooperation
members or the North Atlantic Free Trade Association," the paper noted
that all these are indeed, "geared towards free trade," and are for
the most part, members of the World Trade Organization (WTO).
On the other hand, the cultural counterpart of these pacts is the
Dialog Among Civilizations, it noted describing it as the "Super
Communication Highway" which has no less helped in the speedy process
of integration.
Stressing that nothing is wrong in "integration and evolution",
the paper added that the "meteoric rise of man is an inevitable
phenomena" which man must learn to acknowledge since "the world has
benefitted from recent developments in science and technology."
However, while Iran is on the eve of joining the WTO, the public
has yet to be given access to the internet, it mocked.
This is despite the fact that "hefty annual subsidies and
expenditure on software and hardware" have been spent.
In light of these facts, the paper concluded by advising that the
golden opportunity which awaits one should therefore be grabbed in
order to enable one to not only improve the life of the common man on
the street, but also to improve the entire community.
FH/KS
END
::irna 02/12/2000 14:34
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