life-info.de
    
Korrespondentenbericht
 

Barbara Jentzsch berichtet aus Washington D.C. für lifeinfo.de


1. April 2005

"Uncle Sam will not get me":
Amerikaner werden kriegsmüde - und die US-Streitkräfte verfehlen ihr Rekrutierungsziel...
 
"Stellt Euch vor, es gibt Krieg und niemand geht hin" … Der amerikanische Dichter Carl Sandburg hat diesen schönen Satz 1936 geprägt. Sandburg war Pazifist und hätte heute seine helle Freude am offensichtlichen Rekrutierungsnotstand des Pentagon: für kriegstaugliche, junge und auch schon ergraute Amerikaner hat der Irakkrieg zweifellos seinen Reiz verloren. Immer weniger Wehrwillige lassen sich in den Rekrutierungsbüros der Armee und der Nationalgarde blicken und immer mehr Kriegsunwillige finden sich zu landesweiten Protestaktionen zusammen.
 
Die Hiobsbotschaften für das Pentagon häufen sich: Im Februar haben sowohl die Armee als auch die Nationalgarde und die Reservisten ihr Rekrutierungsziel um mehr als 20% verfehlt. Mitte März erschien eine Pentagon-Studie, nach der heute nur noch 13,9% der Afro-Amerikaner eine Militärkarriere wählen. Das sind 10% weniger als im Jahr 2000. Auch Frauen lassen das Berufsheer zunehmend links liegen. Sogar die Elitetruppe der Marine-Infanteristen kann ihre Anwerbungsquote zum ersten Mal seit zehn Jahren nicht erfüllen. Für den Militärhistoriker Richard Kohn von der Universität North Carolina deutet das auf eine schwere Krise der US-Landstreitkräfte: Zu den Marines würden doch die Machos gehen, sagt Kohn, Leute, die an die Front wollten, weil sie die Gefahr suchen. Dass sogar diese Waghälse auf einmal Zuhause bleiben oder lieber zur Luftwaffe oder Navy gingen, bezeichnet Kohn als bedenkliche Entwicklung. Im Pentagon wird ihm nicht widersprochen. Angesichts der jüngst von der New York Times gemeldeten ersten Selbstmorde von überforderten Rekrutierern bekennt der Vorsitzende der Vereinigten Streitkräfte, General Myers, das Rekrutieren sei heute eine "Herausforderung".
 
Diese Herausforderung versucht das Pentagon jetzt mit einer breit gefächerten Kampagne in den Griff zu bekommen: Armee, Nationalgarde, Reservisten und Marines haben als erstes die Zahl ihrer Rekrutierer drastisch erhöht. Nach oben verschoben, um fünf Jahre - von 34 auf 39 - wurde auch die Altersgrenze für Rekruten der Nationalgarde. Dieser Trick erschließt dem Pentagon einen Pool von 22 Millionen zusätzlichen Soldaten. Heraufgesetzt worden sind auch die Anreizprämien für Rekruten, Reservisten und Zeitsoldaten. Auch an die Militärfamilien wird gedacht. Das Sterbegeld für gefallene Kriegshelden und -heldinnen ist von einem besorgten Congress gerade verzehnfacht worden. Es soll nun 100 000 Dollar betragen.


Ruhiges, aber wenig beliebtes Plätzchen bei jungen Amerikanern:
Soldatenfriedhof in Oklahoma (Foto: Paul Nellen)
 
Ein besonders wunder Punkt für die Army ist der unerwartete Unwille schwarzer Amerikaner und Latinos, sich weiter anwerben zu lassen. Um ihnen die Militärkarriere wieder schmackhaft zu machen, läßt das Pentagon neue Marketing-Strategien für Minderheiten entwickeln. Eine andere PR-Zielgruppe sind die Eltern von Schülern. Für sie wird jetzt eine Anzeigen- und Video- Kampagne mit patriotischen Texten und Anti-Terror-Themen vorbereitet. Auch Politiker werden eingespannt. Der liberale Kongreßabgeordnete
Chris Van Hollen aus Maryland z. B. spricht am 18. April zu Schülern der 9. und 10. Klasse über das "exzellente" Studium an einer Militärakademie.
 
Ob all diese Notnagel-Maßnahmen etwas nützen, ist zweifelhaft. Denn nach zwei Jahren läuft der Krieg im Irak nicht wie gewünscht. Er wird mit jedem amerikanischen Toten unpopulärer. Irak provoziert Friedensaktivisten - viele sind Schüler und Studenten - zu landesweiten Protestaktionen vor den Rekrutierungsbüros und auf dem Campus. Die New York Daily News bedenkt diese wache Jugend von heute mit dem folgenden Kommentar:

"Generation X präsentiert sich als wichtiger Akteur der amerikanischen Außenpolitik. ... Sie hat dem Pentagon die notwendigen Zahlen vorenthalten und in aller Stille eine nationale Rekrutierungskrise ausgelöst. Generation X hat die Macht der Streitkräfte in dem Moment geschwächt, in dem die Regierung Bush ehrgeizige Pläne schmiedet, Diktaturen in aller Welt zu konfrontieren…".
 

©Barbara Jentzsch/lifeinfo.de
 
Barbara Jentzsch arbeitet hauptberuflich als Korrespondetin für verschiedene deutsche Rundfunkanstalten der ARD. Sie ist per E-Mail über lifeinfo.de zu erreichen.

Mehr Berichte von Barbara Jentzsch:
 
Zur Startseite