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Korrespondentenbericht
 

Barbara Jentzsch berichtet aus Washington D.C. für lifeinfo.de


22. April 2005

"GloboCop Europa"?
Brüssel in 23 Ländern populärer als Washington
 
Wenn die Franzosen und die Holländer wüßten, welches Ansehen Europa rund um die Welt genießt, dann würden sie die Idee, demnächst gegen die EU-Verfassung zu stimmen, vielleicht schnell wieder vergessen. Das Loblied auf Europa wird in einer gerade veröffentlichten Umfrage der Universität Maryland angestimmt, die in Zusammenarbeit mit dem internationalen Meinungsforschungsinstitut "Globescan" Zukunftstrends der Weltpolitik untersucht hat.
 
"Wer wird die Welt in Zukunft führen?"-"Who will lead the world?": Unter diesem Aspekt wurde die Umfrage in 23 Ländern erhoben. Angesichts der geballten Macht des amerikanischen Empire hätte man so eine Frage für reine Rhetorik halten können, doch Steve Kull, Direktor des "Program on International Policy Attitudes" an der Universität von Maryland, hat erstaunliche Ergebnisse vorliegen:
 
20 der 23 Länder gaben Europa den Vorzug, als sie gefragt wurden, ob sie positiv oder negativ reagieren würden, wenn die EU einen größeren Einfluß auf die Weltpolitik hätte als Amerika. 58% von 24000 Befragten würden lieber Europa als Amerika am Weltruder sehen. Den größten Enthusiasmus für eine Ablösung der Amerikaner zeigen die unmittelbaren US-Nachbarn Mexiko und Kanada. Aber auch in China, Süd-Afrika, Australien und Rußland liegen die Pro-Europa-Zahlen über 60%.Nur die USA und die Philippinen wollen Washingtons Dominanz fortgesetzt sehen, in Indien ist die Meinung gespalten. Die Supermacht Amerika findet sich abgeschmettert, obwohl nur eines der Umfrageländer zum US-geschädigten Mittleren Osten gehört. Sieben europäische Länder sind vertreten, sechs asiatische, sechs lateinamerikanische und ein afrikanisches Land.
 
Die negative Haltung gegenüber den Vereinigten Staaten habe historische Dimensionen angenommen, kommentiert Maryland University Prof. Steve Kull. Parallel dazu würden jetzt positive Gefühle gegenüber Europa als neue Führungsmacht auftauchen.
 
Die zweite Frage galt der individuellen Einschätzung der fünf Länder des Welt-Sicherheitrats sowie der EU. Hier ging es um eine positive bzw. negative Haltung gegenüber China, Rußland, den USA, Frankreich, Großbritannien und der Europäischen Union als Ganzes. Wiederum sind die Europäer weitaus populärer als die Amerikaner. Insgesamt sehen 68 % der Befragten in 22 Ländern Europa in positivem Licht, wobei Frankreich als individuelles Land am besten abschneidet. Die USA liegen knapp vor Rußland am Ende der Skala. 15 Länder sehen Amerikas Einfluß als negativ, wobei die Ablehnung in Argentinien und Deutschland am größten ist.
 
Phillip Gordon, Europa-Experte am Brookings Institut, hat der hohe europäische Stellenwert nicht überrascht: "Macht trifft immer auf Ablehnung. Eine unilaterale Großmacht wie Amerika
besonders. Vermutlich haben die Leute-zum Zeitpunkt der Befragung während der Irak Besetzung-einiges assoziiert mit Amerika: Militärmacht, Invasion. Besatzung, Unilateralismus. Zurückdämmung und Sanktionen. Das inspiriert sie natürlich nicht, Amerikas Führungsrolle zu unterstützen."
 
Was Gordon nicht erwähnt, sind die erstaunlich vielen Amerikaner, die auch lieber Brüssel als Washington am Hebel der Weltpolitik sehen würden. 34% der befragten Amerikaner geben den Europäern den Vorzug. Genauso bemerkenswert sind die demografischen Kriterien der Umfrage: die Unterstützung für eine Weltmacht Europa findet sich vor allem bei jungen Leuten, in der Altersgruppe der 18-29jährigen, in den gebildeteren Schichten - und bei den Reichen.
 

©Barbara Jentzsch/lifeinfo.de
 
Barbara Jentzsch arbeitet hauptberuflich als Korrespondetin für verschiedene deutsche Rundfunkanstalten der ARD. Sie ist per E-Mail über lifeinfo.de zu erreichen.

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