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Korrespondentenbericht
 

Barbara Jentzsch berichtet aus Washington D.C. für lifeinfo.de


27. August 2005

Cindy Sheehan - Amerikas Mutter Courage
 
Eigentlich wollte George Bush auf seiner sogenannten Ranch in Crawford/Texas Ferien machen. Fünf stressfreie Wochen wollte der Präsident sich gönnen. Auszeit zum Angeln, Radfahren, Holzhacken und Zäune flicken. Doch schon am Ende der ersten Ferienwoche war der Spaß vorbei, denn am 6. August bekam Bush ganz unerwartet höchst unerwünschten Besuch:
 

Cindy Sheehan trauert öffentlich
um ihren gefallenen Sohn


Zwei Meilen vor seiner Haustür, an der einzigen Zufahrtsstraße zur Prairie Chapel Ranch, hatte Cindy Sheehan ihre Zelte aufgeschlagen. Eine ruhelose, zornige Soldatenmutter, die um ihren im Irak gefallenen Sohn trauert. In aller Öffentlichkeit. Direkt unter den Augen eines Präsidenten, der Särge lieber versteckt, Verwundete bei Dunkelheit einfliegen lässt und Irak-Begräbnissen prinzipiell fernbleibt. Cindy Sheehan kann ihm das nicht verzeihen. Ihr Schmerz und ihr Zorn über diesen Präsidenten haben die 48jährige Mutter von vier Kindern zur furchtlosen, inzwischen weltbekannten Friedensaktivistin gemacht. Sie sei nach Crawford gekommen, verkündete Cindy Sheehan dem vor der Ranch stationierten, für jede Unterbrechung dankbaren Pressecorps, um den Präsidenten für seine blutige Kriegspolitik zur Rechenschaft zu ziehen - und um anderen Müttern ihr Los zu ersparen. Sie würde Crawford nicht verlassen, bevor Bush nicht ihre Fragen beantwortet hätte. Der Präsident solle ihr doch bitte erklären, für welche "noble Sache" ihr 24-jähriger Sohn Casey starb, als er am 4. April 2004 in seinem Geländewagen in Bagdad verbrannte - eine Woche nach seiner Ankunft im Irak.

 
Warum sind wir im Irak? würde Cindy Sheehan den Präsidenten fragen, wenn sie ihn denn zu sehen bekäme. Wofür ist mein Sohn gestorben? Wie lange müssen unsere Soldaten noch bleiben?

Hätte Bush sich nur eine halbe Stunde Zeit genommen, den smarten Gastgeber gespielt, die ungebetene Besucherin vielleicht in seinem Jeep herumgefahren und sich ihren Fragen gestellt - Cindy Sheehans Erscheinen in Crawford wäre, wenn überhaupt, eine Fußnote geworden.

Doch dieser Präsident duldet keine kritischen Fragen. Bush ließ Cindy Sheehan abblitzen - und stolperte kopfüber in ein Public Relation Desaster, das seine drastisch gesunkene Popularitätskurve weiter drücken wird und dessen Folgen sich noch gar nicht absehen lassen:
 
Seit dem 6. August macht Cindy Sheehan Schlagzeilen. Im Alleingang und quasi über Nacht hat sie der von der Presse monatelang ignorierten US Friedensbewegung grandiose Prominenz verschafft. In jeden Winkel des Landes und weit über Amerikas Grenzen hinaus ist die Geschichte der couragierten, von Bush abgewiesenen „Peace Mom" aus Kalifornien gedrungen. Die ‚Rosa Parks der Friedensbewegung' wird Sheehan in Anlehnung an die Heldin der Bürgerrechtsbewegung genannt. Rosa Parks war die schwarze Näherin, die 1955 in Montgomery, Alabama ihren Sitzplatz im Autobus nicht aufgab und mit ihrem Widerstand eine ganze Generation von Civil Rights Kämpfern inspirierte. 50 Jahre später hält Cindy Sheehan Amerika den Spiegel vor und provoziert mit ihrem kompromisslosen Widerstand eine ähnliche Reaktion :
 
Millionen Amerikaner haben sich mit dem Zorn der Soldatenmutter, ihrem Verlust und ihrer Protestaktion identifiziert. Sie bewundern die frühere Jugendpfarrerin für ihren Mut und ihre Entschlossenheit, in der sengenden Sonne von Texas in einem von Feuerameisen verseuchten Straßengraben ein Friedenslager im Namen ihres Sohnes aufzuschlagen - Camp Casey.
 
Innerhalb von Tagen hat sich Camp Casey zum Zentrum der frisch gestärkten Friedensbewegung entwickelt. Als Cindy Sheehan plötzlich ans Krankenbett ihrer Mutter gerufen wurde, brach Camp Casey keineswegs zusammen. Sechs andere ‚Gold Star Mothers for Peace' traten an ihre Stelle. 'Gold Star Mothers for Peace" ist eine von Cindy Sheehan gegründete Organisation für Soldatenmütter, die ihre Söhne und Töchter im Irak oder Afghanistan verloren haben.
 
Camp Casey wird jeden Tag von hunderten von Kriegsgegnern aus dem ganzen Land besucht. Veteranen aus dem Korea- und Vietnam-Krieg eilen nach Crawford. Angehörige von Irak- und Afghanistan-Soldaten reisen an, Mütter von Studenten und Schülern, Friedensaktivisten aus New York, San Francisco und Washington, Hollywood Stars tauchen auf, Joan Baez hat sich angesagt, und vereinzelt werden auch demokratische Politiker gesichtet.

Die Besucher bringen Blumen, Zelte, Schirme und Wolldecken, spenden Essen und Geld und suchen nach vertrauten Namen auf den mehr als 1500 Holzkreuzen und Davidsternen, die Cindy Sheehan und ihre Freunde in den harten Boden rings um Camp Casey gerammt haben.

Inzwischen gibt es in Amerika bereits ein Dutzend Camp Caseys. Langjährige und neugewonnene Aktivisten der Friedensbewegung treffen sich hier, um die Gunst der Stunde in neuen Strategien festzuklopfen. Internet-Blogger und rührige demokratische Organisationen wie MoveOn.org sorgen für flächendeckende Verbreitung. Wieweit der neue Schwung die Kriegsgegner schon gebracht hat, zeigen mehr als 1600 landesweite Mahnwachen, die am 17. August aus Solidarität mit Cindy Sheehan abgehalten wurden. „Support Cindy" - "Exit Now „ - „Impeach Bush" stand auf den Plakaten.

Cindy unterstützen, den Irak verlassen, Busch absetzen…so artikuliert sich Amerikas auf einmal nicht mehr schweigende Mehrheit. Zwei Drittel der Amerikaner halten den Irakkrieg heute für einen Fehler. Sie glauben nicht, dass das Resultat die amerikanischen Verluste rechtfertigt oder die USA sicherer gemacht habe.

Pressekommentare spiegeln den neuen Realismus. So schreibt die eher konservative Kolumnistin Georgie Anne Geyer : „Cindy Sheehan hat Amerika wie ein Blitz getroffen, und der Hauptgrund dafür ist, dass sie Dinge ausspricht, zu denen bisher mit voller Absicht geschwiegen wurde: dass der Irak Krieg sinnlos ist, und dass alle Amerikaner, die dort gestorben sind oder verwundet wurden ihr Leben und ihre Gesundheit für nichts und wieder nichts gegeben haben. Dass der Irakkrieg kein notwendiger Krieg ist oder war, sondern nur ein Abenteuer von Bush, Cheney, Rumsfeld, Wolfowitz und dem Rest. Ein Abenteuer, das immer noch schrecklich enden kann. All dies sich klarzumachen, ist für die meisten Amerikaner einfach unerträglich - sogar zu diesem Zeitpunkt."
 
In Crawford hat sich derweil ein lautstarkes Gegenprotest-Camp angesiedelt, und in rechten Talkshows wird Sheehan schamlos beschimpft und zur Verräterin gestempelt. Doch die Schützenhilfe für den bedrängten Präsidenten kommt spät und kann die von der Peace Mom initiierte, vom Weissen Haus gefürchtete längst überfällige nationale Debatte nicht mehr bremsen.

Am 9. September will das Pentagon die Opfer der Terroranschläge von 2001 mit einem Freedom March und einem patriotischen Popkonzert an der Washingtoner Mall ehren. Am 24. September versammelt sich dort die Friedensbewegung zu einer Großkundgebung. Amerika könnte vor einem heissen Herbst stehen.
 

Lesen Sie hierzu auch
Timothy Garton Ash im Guardian :
Iraq is America's Boer war


©Barbara Jentzsch/lifeinfo.de
 
Barbara Jentzsch arbeitet hauptberuflich als Korrespondetin für verschiedene deutsche Rundfunkanstalten der ARD. Sie ist per E-Mail über lifeinfo.de zu erreichen.

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