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Korrespondentenbericht
 

Barbara Jentzsch berichtet aus Washington D.C. für lifeinfo.de


9. September 2005

Schock und Schande - US-Medien und Katrina
 
Es ist keineswegs sicher, dass der Untergang von New Orleans, der unnötige, grausame Tod von Tausenden der ärmsten der armen Amerikaner, irgendwelche politischen Konsequenzen haben wird.

Aber sollte es so kommen, dann wäre das ein Erfolg der US-Medien. Sogar der Mainstream-Medien, die in der Ära Bush in der Regel zu willigen Propagandalieferanten verkommen sind. Doch in der Stunde größter, nie dagewesener Not haben sie erstaunlich ungeschminkt berichtet:
 
Die gleichen Fernseh-Networks, die ihre Kriegsberichterstattung seit Jahren vom Pentagon diktiert bekommen und sich das politische Thema des Tages gewöhnlich vom Weissen Haus servieren lassen - sei es Rupert Murdochs "FOX TV", Time Warners "CNN", General Electrics "NBC" oder Disneys "ABC"-Kanäle - all diese Sender waren nach 48 Stunden Hurrikan-Berichterstattung kaum wiederzuerkennen. Der vor den Augen der Reporter aufbrechende Horror ließ sie Szenen beschreiben und Worte finden, die Amerika nur schwer verkraften kann. Eine plötzlich freie, ungegängelte Presse kam, sah und schrie auf in Scham und Schande: "Dies ist Amerika! Wie kann das hier passieren...? Wo ist der Präsident? Wo bleibt die Nationalgarde?"
 
George Bush und sein omnipotenter Regierungsapparat ließen sich tagelang nicht blicken. Doch Katrina wird sie verfolgen als nationale Tragödie. Mit einer Botschaft, die sich nicht unterdrücken lässt:
Wer reich und weiß ist in Amerika, der überlebt. Wer arm und schwarz ist, geht unter. Und die Regierung hat es zugelassen. Obwohl sie wusste, was passieren wird.
 
Es gibt keinen Zweifel: Die Armen von New Orleans wurden wissentlich sich selbst überlassen. Radio, Fernsehen, Zeitungen und Internet-Blogger wiederholen die Fakten tagein, tagaus: Der Untergang von New Orleans ist vorausgesagt worden. Seit Jahren. Es gab Planspiele. Test-Evakuierungen. Zeitungsserien. Regierungsstudien. Exakte Voraussagen des Hurrikan-Centers, Global-Warming-Studien am laufenden Band.
 
Doch Washington kürzte die Gelder, schwächte die Deiche, vernichtete die Marschen und nahm den Tod von 134 000 nicht evakuierbaren, überwiegend schwarzen Mitbürgern einfach in Kauf.
 
Die Armen in New Orleans ihrem Schicksal zu überlassen, sei moralisch gleichbedeutend mit dem Liegenlassen von Verletzten auf dem Schlachtfeld, kommentiert der konservative "New York Times"-Kolumnist David Brooks, der sonst noch jeden Sturm mit dem Präsidenten ausgesessen hat.
 
Wenn rechte und linke Presse der Regierung obendrein offenen Rassismus, eine verblendete, die ganze Welt gefährdende Umweltpolitik und bodenlose Inkompetenz im Katastrophenschutz bescheinigen, dann hilft nur eins: eine Untersuchungskommission, an deren Spitze George Bush sich selbst gestellt hat.

Keine gute Idee angesichts der Erfahrungen mit den Abu Ghraib-Kommissionen der Regierung, höhnen die sensibilisierten Medien.
Wie lange ihre Wachsamkeit anhält bzw. dem jetzt auf Hochtouren laufenden PR-Apparat des Weissen Hauses standhält, ist eine andere Frage. Nachdem Bush die von den Demokraten geforderte unabhängige Untersuchung als „blame game', als politisch motivierte Sündenbocksuche abgelehnt hat, hat CNN schon wieder die Hacken zusammengeschlagen - für Schuldzuweisungen sei jetzt wohl nicht der richtige Zeitpunkt.

Link-Hinweis:
Is the Government Trying to Stem the Tide of Images From New Orleans by Threatening Journalists? (DEMOCRACY NOW!. 9.9.05)

 

©Barbara Jentzsch/lifeinfo.de
 
Barbara Jentzsch arbeitet hauptberuflich als Korrespondetin für verschiedene deutsche Rundfunkanstalten der ARD. Sie ist per E-Mail über lifeinfo.de zu erreichen.

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