Paul Nellen:
Krieg zwischen Islam und Christentum in Europa?




Zufällig bin ich neulich auf eine Meldung der "Deutsch-Türkischen Nachrichten" (DTN) vom 11.5.2015 über einen bereits stattfindenden "Krieg zwischen Islam und Christentum in Europa" gestoßen (http://www.deutsch-tuerkische-nachrichten.de/2015/05/512233/us-geheimdienst-in-europa-tobt-ein-krieg-zwischen-islam-und-christentum/ ), und zufällig bin ich auch zahlender Abonnent jenes in der Meldung genannten "privaten US-Geheimdienstes", auf dessen Analyse kurz nach den Pariser Anschlägen vom Januar d.J. sich die DNT ein paar Monate später stützen, ohne die Quelle zu nennen.

Die DNT-Bezeichnung des privaten Think Tanks Stratfor (siehe Wikipedia) als "US-Geheimdienst" ist natürlich "Dummtüch", wie man im Hamborch secht – Stratfor sammelt und wertet primär Nachrichten und Informationen aus, auch solche, die es nicht auf dem freien Markt gibt, und stellt politische Analysen auf, um sie mit der Öffentlichkeit zu kommunizieren, ist also durchaus ein "Nachrichten-Dienst" im wörtlichen Sinne (wie der SPIEGEL ein "Nachrichtenmagazin" ist). Aber das Unternehmen ist gewiss kein im Finsteren operierender "US-Geheimdienst" (à la CIA, Schlapphüte, 007 etc.).

Im Zusammenhang mit der Diskussion über die Kompatibilitätsfrage von Islam und Nicht-Islam (z.B. Christentum, Säkularismus, letztlich alle -ismen neben dem Islam selbst) wird es in Baden-Württemberg gerade sehr spannend: denn hier wird aktuell über die offizielle Einführung einer Reihe von islamischen Feiertagen nachgedacht. Das macht aber anscheinend Probleme. Ministerpräsident Kretschmann (Grüne) steht den Vorschlägen seiner Integrationsministerin Bilkay Öney (SPD) kritisch gegenüber.

Dazu die Stuttgarter Nachrichten:

"Der Vorschlag der Integrationsministerin über islamische Feiertage birgt mehr Fragen als Antworten. Der Ministerpräsident zögert, und der Innenminister will die ganze Sache ohnehin nicht."
http://www.stuttgarter-nachrichten.de/inhalt.reservierte-reaktionen-kretschmann-rudert-bei-islam-feiertagen-zurueck.769b70dd-8713-40be-a505-7f4cc3ac3901.html

Ein kniffliges Problem, eigentlich kaum lösbar.

An der Feiertagsfrage zeigt sich nämlich, dass ab einer bestimmten quantitativen Größenordnung zwei oder mehr rechtlich "gleichgestellte" religiös-weltanschauliche "Betriebssysteme" auf einem "Rechner", sprich: in einem Land nicht geht. Eine Vorzugsstellung der originär bewilligten rechtlich-administrativen Operationsbasis einer Religion – des Christentums in unserem Falle – einschließlich der damit verbundenen Privilegien, z.B. Feiertage, kann man nicht einfach mal so zurückstutzen, um den entsprechenden Bedarf einer oder mehrerer weiterer Religionen zu befriedigen, ohne dass es zu Friktionen in den operationalen Betriebsabläufen einer Gesellschaft kommt. Und gewerkschaftliche Besitzstände lassen sich auch nicht ohne Weiteres zur Disposition stellen.

Kretschmann sehr scharfsinnig: "Weil man sich ja vorstellen kann, dass das in einem kleinen Betrieb mit einem hohen Anteil an muslimischen Beschäftigten dazu führen kann, dass der Betrieb an diesem Tag nicht mehr arbeiten kann."

Außer, man findet sich mit partiellen Stockungen im Betriebsablauf der technisch-wirtschaftlichen und organisatorischen Teil-Systeme ab. Dann muss man das aber auch mit den Menschen so kommunizieren. Und die müssen das dann auch mehrheitlich so wollen. Und da wird's in der Tat schwierig, gerade auch ökonomisch, das sieht der Ministerpräsident im Industrie-Ländle ganz richtig. Was, wenn, sagen wir, eine Volksabstimmung angeregt werden würde, die eine Zubuchung von islamischen oder noch anderen feiertäglichen "Betriebsstörungen" nicht hinnehmen will, wenn dafür womöglich tradierte, christlich fundierte und gewerkschaftlich nicht verhandelbare Feiertagsgewohnheiten (z.B. Ostern, Pfingsten, Weihnachten) geändert oder abgeschafft werden müssten?

Man kann Kretschmanns Bauchschmerzen verstehen, doch im Moment gibt es hierzu keinen Königsweg. Außer, es wird konsequent dafür gesorgt, dass der Islam auf Dauer eine vetoschwache Minderheitenreligion bleibt (wie macht man das angesichts der derzeitigen Flüchtlingsmassen aus dem islamischen Raum?) und keine Ansprüche stellt, die über das hinausgehen, was er sagen wir vor 30 Jahren an Forderungen auch schon nicht gestellt hat – damals hat noch kein Muslim auf gleichwertigen allgemeinen islamischen Feiertagen bestanden oder sich wegen deren Fehlens Sorgen um die Religionsfreiheit oder seinen Platz im Paradies gemacht.

Hier müsste sich daher auch mal die islamische Lehre ein gutes Stück weit in Richtung republikanisch-säkularer Ethik bewegen. Das inzwischen längst säkularisierte, seiner lebensweltlichen Hegemonie verlustig gegangene Christentum konnte das schließlich auch, wenn auch nur unter dem Druck geschichtlicher Erfahrung (Religionskriege, Zurückdrängung des staatlich-politischen Papsttums, Kulturkampf in Deutschland, usw.) und angesichts des unumkehrbaren gesellschaftlichen "Todes Gottes".

Was ihm dabei zugute kam: Der Säkularismus ist selbst tief im Christentum verankert. "Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist..." und die "Zwei-Reiche-Lehre" haben hier theologisch die Barrieren niedrig gehalten. Nur: wenn die islamische Lehre, die keine säkularen Kerne ausgebildet hat, sich partout nicht "versäkularisieren" will – nicht nur in Deutschland, sondern europa-, ja weltweit – oder dafür zu lange braucht: was dann?

Säkularisierung von oben, wie sie Kemal Atatürk einst angeordnet und durchgesetzt hat, kann allein keinen Rückfall in den Islamismus garantieren. Aber sie politisch den Religionen aufzuerlegen wäre immerhin ein Anfang und würde wohl, unter der Voraussetzung rechtsstaatlicher Mittel, erst einmal und einzig von den Aleviten unterstützt.

Eine GG-Änderung könnte hier den Weg säkularer Verbindlichkeit für den Islam und für seine anstehenden theologischen "Reformen" ebnen helfen.

Beim dogmatischen Islam stehen wir heute etwa dort, wo uns seinerzeit zum ersten Mal bei der Atomkraft die ungelösten Risiko- und Endlagerungsprobleme aufgefallen sind. Wie ein "Containment"- oder gar Ausstiegs-Programm für einen nichtsäkularisierten politisierten Islam aussieht, darüber – und nicht über eine wohlfeil-bequeme "Gleichstellung" – hat bisher noch keine politische Partei nachgedacht. Außer vielleicht ein paar Islamkritiker – und natürlich die Rechtspopulisten von Wilders über Pegida bis zum Front National, von dem der frühere Premier und heutige Außenminister Frankreichs, Laurent Fabius, mal meinte, er "stellt die richtigen Fragen, gibt aber die falschen Antworten" (lt. Artikel "Laurent Fabius" in der Wikipedia).

Wenn Stratfor-Chef George Friedman für Europa eine Ghettoisierung und/oder Deportation der Muslime prognostiziert, kann und darf das auch vor dem Hintergrund historischer Erfahrungen, zumal Deutschlands, keine Lösung sein.

Die einzige Lösung besteht, so denke ich, in einem konsequent, ggf. auch gegen den Verbandsislam durchgesetzten und von diesem verpflichtend zu akzeptierenden Säkularismus sowie in der verbindlichen Hinnahme einer pluralen demokratischen, an Menschen- und Freiheitsrechten orientierten Leitkultur durch den Islam; Prinzipien, die der "real-dominate Mehrheitsislam" (Johannes Kandel) bislang noch scheut wie Dracula das Sonnenlicht. Nur die winzige Minderheit der "liberalen" oder "säkularen" Muslime würde sich - von den Aleviten abgesehen – hierzu vermutlich sogleich bekennen. Doch deren gesellschaftliche und theologische Basis ist und bleibt für lange Zeit zu gering, um das nötige Vertrauen heute schon zu schaffen.

Daher sollte man jetzt konsequent die Diskussion darüber eröffnen, ob das Grundgesetz Artikel 4 (sog. "Religionsfreiheit") nicht um einen oder zwei Zusatzartikel zu erweitern ist, die es einerseits explizit verbieten, neben- bzw. gegenrechtlich wirkende Elemente einer religiösen oder religiös-weltanschaulichen Normenordnung über die Gesetze und Prinzipien des demokratischen Rechtsstaates zu stellen, und in denen andererseits alle Religionen zu Religionspluralismus und gegenseitiger Toleranz verpflichtet werden.

Nachstehend die Meldung der DTN vom 11.5.15, gefolgt vom Originalartikel aus der Feder des Stratfor-
Ana
lytikers George Friedman mit einigen wichtigen, allerdings auch ziemlich beunruhigenden Erkenntnissen, für deren Verbreitung man in Deutschland und andernorts in Europa "korrekt"-politisch auf den Scheiterhaufen gestellt werden würde...

US-Geheimdienst: In Europa tobt ein Krieg zwischen Islam und Christentum

A War Between Two Worlds

 
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©PaulNellen, Mai 2015 (bearbeitet)