Ali Ertan Toprak:
Das große Unbehagen


In den vergangenen Tagen erschütterten immer wieder Randale,
Gewaltakte und Morde das Land, bei denen offenkundig
Migranten die Täter waren. Ob es sich um tödliche Attacken in
Bahnhöfen handelte oder um Gewaltausbrüche auf Stadtfesten
oder in Freibädern:
die Beteiligung von männlichen jungen Migranten ist ein
beschämendes und ein gerade uns als Migranten und Migrantinnen
in diesem Lande tief betroffen machendes Faktum. Wir sind empört
darüber, dass Menschen, die in Deutschland Schutz und Hilfe
suchen oder gefunden haben, sich zu solchen kriminellen
Taten hinreißen lassen. Wer wirklich Schutz und Hilfe vor
Verfolgung in Deutschland sucht, begeht keine Verbrechen
gegen die Menschen dieses Landes, die ihm helfen,
oder er verschweigt eine andere Agenda. (...)

Ungesteuerte Massenmigration ist immer und überall
eine besondere logistische, operative und adaptive
Herausforderung für die aufnehmende Gesellschaft.
Für manche im Lande erscheint dies als eine Zumutung,
insbesondere dann, wenn statt Dankbarkeit provoka-
tives und kriminelles Verhalten um sich greift.

Nicht wenige Migranten fordern deswegen mit Nachdruck,
dass Migration deutlich begrenzt wird und dass sie möglichst
schon vor Ort, in den Herkunftsländern und -regionen,
aufgehalten wird – etwa durch gezielte Entwicklungsprojekte.
Auch andere Länder und Kontinente, vor allem die Nachbar-
regionen der Migranten, müssen zur Aufnahme verpflichtet
werden. Europa und speziell Deutschland kann nicht
der Zufluchtsort für die halbe Welt werden, ohne dass es
selbst daran zugrunde geht. Die Auswanderungsbereitschaft
vieler Eliten hierzulande ist ein Signal, das nicht übersehen
werden darf. Das Mindeste nach den Vorfällen der letzten
Wochen und Monate wäre ein Moratorium zur Neueinstel-
lung der migrationspolitischen Parameter. Und ein ehrlicher
Dialog auch mit jenen, die der unbegrenzten Einwanderung
angesichts der zwangsläufig aus ihr erwachsenden logistischen,
operativen und adaptiven Probleme kritisch gegenüberstehen.

Gut gemeint ist nicht immer gut gemacht – das gilt auch in der
Einwanderungspolitik. Es wird Zeit, uns ehrlich zu machen, Bilanz
zu ziehen und die Politik aus der Sackgasse zu führen.

Ali E. Toprak ist Chef der Kurdischen Gemeinde Deutschland
sowie Präsident der Bundesarbeitsgemeinschaft der Immigrantenverbände


Ganzer Text in der WELT vom 1.8.2019


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