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Dokumentation

Die Grünen hatten die Revolution von den Bürgern nur geborgt

Für Dosen verpfänden die Grünen ihre Zukunft

Es waren die Grünen, die Arnulf Baring staatspolitisch tadelten, als er in dieser Zeitung das Bürgertum gegen die Politik der Regierung auf die Barrikaden rief. Dem Spott der Frau Göring-Eckhardt schloß sich in den Medien etwa Jens Bisky in der "Süddeutschen Zeitung" an, als er empört erklärte, Professor Baring beabsichtige gegen Gesetze zu verstoßen, weil er eine Demonstration plane. Ein anderer gar stellt Barings Aufruf in eine Linie mit Kochs Entgleisung. Siegmar Gabriel warf Baring mit dem Appell auch noch das Forum vor ("Feuilleton!"), und zwar deshalb, weil so harte Kerle wie Gabriel Politik im rauhen Wind der Fußgängerzonen und Vorstadtcafés machen, und nicht dort, wo die bürgerliche Welt Gedanken austauscht, im gedruckten Wort.

Die Grünen aber, denen ein unruhiges bürgerliches Temperament wie Baring doch hätte gefallen müssen, waren, bis hin zu Verbalangriffen im Bundestag, die indigniertesten. Denn Baring entwand den aufgeklärten Grünen den Kampfbegriff der Systemveränderung, er spielte auf den Instrumenten von "J'accuse" und "Hört die Signale!" und vergriff sich damit an der Hausorgel der Grünen. Das grüne Establishment zog die Augenbrauen hoch wie einst Bundestagspräsident Rainer Barzel, als er der ersten Grünen im Bundestag ansichtig wurde. Barings Aufsatz wurde entsprechend behandelt: nicht als Verführung zur Revolution, sondern als Pamphlet der Konterrevolution.

Man mag gegen den Professor aus Berlin viel einwenden, aber man sollte sich nichts vormachen: Der Hohn auf Baring ist der Hohn aufs Bürgertum selbst. Bürger, die auf die Barrikaden gehen? Hans Magnus Enzensberger hat in seinem Nachruf auf Rudolf Augstein den Sachverhalt auf den Begriff gebracht: "Gesellschaftlich bei weitem in der Majorität, kulturell tonangebend, ökonomisch erfolgreich, ist diese Klasse jedoch im fatalen Sinn parteilos geblieben, das heißt, sie hat sich als unfähig erwiesen, ihre Interessen politisch zu artikulieren; sie überließ das Feld dem großen Kapital, den Gewerkschaften und den Verbänden. Seine Marginalisierung und seinen Katzenjammer hat sich der so genannte Mittelstand (schon der Begriff ist ein Anachronismus) infolgedessen ganz allein selber zuzuschreiben."

Blickt man auf die jüngere Geschichte, so ließ sich das Bürgertum in den vergangenen Jahrzehnten überhaupt nur noch ein einziges Mal mobilisieren: durch den ökologischen Aufstand, den die Grünen symbolisierten. Das Produkt dieser Mobilmachung ist eine grüne Partei, die den Hohn mehr verdiente als der verirrte Bürger Arnulf Baring. Denn diejenigen, die am effizientesten mit Metaphern Schindluder, mit Überzeugung Mißbrauch, mit einer historischen Mission Schwindel betrieben hat, sind die Grünen.

Spätere Menschen sollen sich daran erinnern: daß zu einem Zeitpunkt, als zum erstenmal Lebewesen geklont, Erbgut patentiert, Embryonen medizinisch genutzt wurden, der grüne Umweltminister über eine ganze Legislaturperiode hinweg nur über das Zwangspfand auf Bierdosen redete. Daß einer der angesehensten und mächtigsten Männer der Republik, der Außenminister Fischer, seine beträchtliche Autorität nur dafür einsetzt, um seinem aktuellen Ziel näherzukommen, nämlich Nachfolger Romano Prodis als Präsident der EU-Kommission zu werden. Es gibt seit mehr als zwei Jahren keine einzige buchenswerte Äußerung dieses großen Grünen zu den Fragen der Umwelt und des Lebens.

Gewiß: Es gibt immer wieder zynische Epochen in der Geschichte der modernen Gesellschaft; am erfolgreichsten sind jene, bei denen nicht auffällt, daß sie zu Staub verätzen, woran alle noch glauben.

Das Bürgertum sei zynisch, so lautet die gängige Vokabel, weil es ihm doch immer noch verhältnismäßig gut gehe, und es immer noch abgeben könne. Dabei war es das Bürgertum, das unter allen gesellschaftlichen Gruppen den sozialen Vertrag einer Gesellschaft besonders ernst nahm. Noch die gesellschaftliche Akzeptanz der Grünen beruhte auf der Überzeugung der bürgerlichen Schichten, Opfer bringen zu müssen, wenn es der Allgemeinheit nützt. Insofern sind die Bürger die Idealgrünen: Menschen, die als Erben ein historisches Bewußtsein haben und deshalb wissen, daß es Generationen nach ihnen geben wird.

All das hat diese Partei verspielt - zuletzt, der Baringsche Reaktionstest beweist es, noch den revolutionären Elan. Unter den zynischen Projekten der Bundesrepublik wird am Ende sie, die Bewegung der Aufrechten, am zynischsten aussehen. Avantgarde, Speerspitze, Anführer eigentlich nur im Werk der Zerstörung, aber darin wahrhaft Wegbereiter des einundzwanzigsten Jahrhunderts. Die Grünen nämlich haben verschlungen und zerstört, was an ökologischen, biologischen, medizinischen Werten in der Gesellschaft keimte; sie haben, wie Saturn, alles verzehrt, was sie einst groß und notwendig gemacht hat, und sie haben die Grundlagen einer Politik und Kultur travestiert, die man, wie Francis Fukuyama in seinem jüngsten Buch formuliert, als "unsere nachmenschliche Zukunft" definieren könnte.

Wenn es stimmt, daß der Kommunismus gleich in den ersten zwanzig Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts mit den heiligsten Ideen des Menschen Schindluder getrieben hat - um von Anfang an reinen Tisch zu machen für die verbleibenden achtzig Jahre -, so haben die Grünen jene Ideen zerstört und lächerlich gemacht, die wir für das Funktionieren der Gesellschaften im einundzwanzigsten Jahrhundert so dringend benötigen. Sie haben die Begriffe Risikogesellschaft, Ökologie, Energie, Ressourcen ausgehöhlt und bedeutungslos gemacht und den Auftrag, den sie gesellschaftlich übernommen zu haben schienen, so sehr verraten wie nur irgendeine Avantgarde der Vergangenheit.

Selbst wenn man der Meinung ist, die Umwälzung unserer gesellschaftlichen Verhältnisse und der Umwelt sei nicht schon längst im Gange - selbst dann wäre Hohn angebracht angesichts einer grünen Landwirtschaftsministerin, die vor Wahlen über 0190-Nummern diskutiert, eines grünen Umweltministers, von dem man - in Worten: nichts hört, außer Castor und Dosenpfand.

Aber längst wäre ja zu begreifen, daß das ökologische Ethos auch ein gesellschaftspolitisches ist. Nachhaltigkeit und Langfristigkeit sind in der gesellschaftspolitischen Debatte so wichtig wie nie zuvor. Wir haben die Erde von unseren Kindern nur geliehen - dieser berühmte Satz der Grünen ist angesichts eines maroden Rentensystems bei gleichzeitiger Neutralisierung eines Mannes wie Oswald Metzger anscheinend längst obsolet.

Die Grünen existieren nur aus drei Gründen. Erstens, damit Joschka Fischer Prodi-Nachfolger wird; zweitens, damit Renate Künast Landwirtschaftsministerin ist; drittens, damit Jürgen Trittin Umweltminister ist. Bleiben sie, wie sie sind, werden sie nichts sein als eine skurille Sekte am Ende des zweiten Industriezeitalters. Ob man sich dann, in den Katalogen der ausgestorbenen Arten, auch noch des Bürgertums erinnert?

FRANK SCHIRRMACHER

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17.12.2002, Nr. 293 / Seite 35





 



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