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    BUCHBESPRECHUNG



Barbara Jentzsch, Washington D.C.

Die Säulen des Imperiums
"Economic Hit Man": Ein US-Wirtschaftsattentäter packt aus

Washington D.C., 24.3.05
 

Den skrupellosen Wirtschaftskiller hat man John Perkins wahrscheinlich nie angesehen. Die hohe Stirn, die hageren Züge und die Klavierspielerhände deuten auf einen Schöngeist, einen intellektuellen Yankee aus dem noblen Neuengland. In der Tat kann er seine Vorfahren 300 Jahre zurückverfolgen. Doch auf seiner landesweiten Booktour stellt sich Perkins dieser Tage ohne Umschweife als einstiger "economic hit man" vor. Als eiskalter, globaler Wirtschaftsattentäter, der sich in den siebziger und achtziger Jahren auf höchster politischer Ebene in Indonesien, Ecuador, Panama und Saudi-Arabien zu schaffen machte. Ein "economic hit man", der mit Hilfe von US-Geheimdiensten, Weltbank, Internationalem Währungsfond und privaten Großkonzernen systematisch und weltweit arme Länder zur Ader ließ - im Dienste und zum Wohle des permanent expandierenden amerikanischen Imperiums, das Perkins so beschreibt:
 
"Dieses Imperium wurde im Gegensatz zu allen anderen in der Geschichte durch wirtschaftliche Manipulationen aufgebaut, durch Schwindel, durch Betrug, durch Verführung der Menschen zu unserem way of life durch wirtschaftliche Attentäter. Ich war einer von ihnen."
 
Sein Buch „Confessions of an Economic Hitman" - „Die Bekenntnisse eines Wirtschaftsattentäters", hat Perkins sich nach vier Anläufen abgerungen. Drohungen und eine halbe Million Dollar Bestechungsgeld hätten ihn von einer früheren Veröffentlichung abgehalten, schreibt er.
 
Perkins ist kein begnadeter Stilist, und dass die sogenannte Entwicklungshilfe der reichen Länder meistens auf Kosten der armen Länder geht, ist auch nichts Neues. Doch das Buch ist hochspannend, denn Perkins serviert die verschlungenen Innereien der US-Empire-Maschinerie. Er nennt Namen und beschreibt, wie das skrupellose System der Ausbeutung funktioniert. Dabei deckt er bisher weitgehend unbekannte Zusammenhänge zwischen Globalisierung, Amerikas Empirebestreben und der Dynastie des Hauses Bush auf. Es ist obendrein ein hemmungslos persönlich gehaltener Bericht über die Ereignisse, die ihn dazu zwangen, zwischen seinem Gewissen und einem Leben in phantastischem Luxus zu wählen.
 
John Perkins ließ sich allerdings eine Menge Zeit für diese Entscheidung. Er hatte sich mit seinen Schuldgefühlen offensichtlich arrangiert. Das ist eine Leistung für sich in Anbetracht der Dimension seiner Machenschaften, denn Perkins Hauptaufgabe war es &endash; kurz gesagt - Entwicklungsländer durch gezinkte Prognosen zu überteuerten Industrieprojekten zu überreden und diese Länder in der Folge mit Krediten zu ruinieren.
 
„Economic Hit Men" (EHM) sind hoch intelligente, hochbezahlte Profis, die weltweit Länder um Zigmilliarden betrügen", schreibt Perkins über seine Zunft und ihr Umfeld. EHMs würden Weltbank-, Regierungsgelder und sogenannte Entwicklungskredite in die Taschen von Großkonzernen und reichen Familien schleusen, die über die natürlichen Ressourcen verfügten. Zum Instrumentarium der Wirtschaftskiller würden gezinkte Wirtschafts- und Finanzprognosen gehören. Wahlmanipulationen. Schmiergelder, Erpressung, Sex und Mord.
 
Wirtschaftskiller haben in den USA Tradition, seit Kermit Roosevelt, der Enkel von Präsident Teddy Roosevelt, 1953 in Persien fast eigenhändig die demokratisch gewählte Regierung Mossadegh stürzte und den Schah einsetzte. "Damals haben wir erkannt", schreibt Perkins, "daß die Idee des EHM extrem gut war. Wir mußten uns keine Sorgen über einen Krieg mit Rußland machen, wenn wir so vorgingen. Das Problem mit [Kermit] Roosevelt war aber, daß er ein CIA-Agent war. Er war bei der Regierung angestellt, und wenn man ihn erwischt hätte, wären wir in große Schwierigkeiten geraten. Daher wurde entschieden, daß Organisationen wie die CIA und die NSA wirtschaftliche Attentäter (EHM) wie mich rekrutieren sollten, die dann in privaten Firmen arbeiteten - Beraterfirmen, Ingenieurbüros, Bauunternehmen etc., so daß, wenn wir erwischt würden, keine Verbindung zur Regierung festzustellen wäre. „
 
John Perkins wurde 1968 von der National Security Agency, dem Geheimdienst NSA, rekrutiert. Er studierte damals an der Wirtschaftshochschule der Universität Boston : „Sie haben alle meine Schwächen herausgefunden und mich sofort verführen können. Sie haben die stärksten Drogen unserer Kultur eingesetzt - Sex, Macht und Geld -, um mich zu vereinnahmen."
 
Auf Anraten der NSA ging Perkins zum Peace Corps und arbeitete drei Jahre als Freiwilliger in Ecuador. Anschließend begann die große Karriere. Perkins wurde Chefökonom des internationalen Consulting Konzerns Chas T. Main in Boston, der enge Verbindungen zur CIA unterhielt. „ Meine eigentliche Aufgabe war es, Geschäfte auszuhandeln. Ich gab anderen Ländern Kredite, die viel zu groß waren, als daß sie je zurückgezahlt werden könnten - sagen wir, 1 Mrd. $ für ein Land wie Indonesien oder Ecuador, unter der Bedingung, daß 90% dieses Kredits an amerikanische Unternehmen wie Halliburton oder Bechtel zurückfließen würden, um Infrastruktur zu bauen. Diese Unternehmen gingen dann hin und bauten ein elektrisches System oder Häfen oder Autobahnen, die im Grunde nur den reichsten Familien des Landes nützten. Den Armen dieser Länder blieben letztlich die gewaltigen Schulden, die sie unmöglich zurückzahlen konnten. Dem Land bleiben eine Menge Schulden und eine Menge Zinsen. Im Grunde werden sie unsere Zinsknechte, unsere Sklaven. Es ist ein Imperium. Man kann es nicht anders sagen. Ein riesiges Imperium. Wir waren unglaublich erfolgreich."
 
Zu den zweifelhaften Erfolgen des Imperiums gehörte auch das Kapitel Panama. Perkins erinnert sich an Omar Torijos, den Präsidenten von Panama, mit dem er sich anfreundete. Als Torijos sich weigerte, mit der Regierung Reagan über den von den USA zurückgegebenen Panama Kanal neu zu verhandeln, habe Washington kurzen Prozeß mit ihm gemacht. Torijos starb als sein Flugzeug abstürzte. „Ich hatte mit Torrijos zusammengearbeitet, ich wußte, daß die economic hit men gescheitert waren. Wenn die EHM scheitern, dann sind in diesem Szenario der nächste Schritt die sogenannten "Schakale". Die Schakale sind von der CIA bestellte Leute, die versuchen, einen Putsch oder eine Revolution anzuzetteln. Wenn das nicht funktioniert, dann führen sie Mordanschläge aus, oder versuchen es. Ich wußte, daß die Schakale hinter ihm her waren, und dann hörte ich, daß sein Flugzeug explodiert war, in dem sich ein Tonbandgerät mit einer Bombe befunden hatte. Ich habe keinen Zweifel, daß die CIA dahinter steckte."
 
Perkins Aktivitäten in Saudi Arabien sind besonders interessant, weil sie enthüllen, was auch Michael Moore in seinem Film "Fahrenheit 9-11" beleuchtete: die enge Verknüpfung der finanziellen Interessen des Hauses Saud mit der Bush Dynastie. Anfang der siebziger Jahre wirkte Perkins bei der Umsetzung eines Planes mit, der Milliarden von Petrodollars zurück in die USA schleuste und die intime Beziehung zwischen dem islamisch-fundamentalistischen Königshaus und US Regierungen festigte: "Wir haben ein Abkommen ausgearbeitet, wonach das saudische Königshaus zustimmte, den größten Teil der Petrodollars in den USA zu reinvestieren und sie in amerikanische Regierungsanleihen anzulegen. Das Finanzministerium nutzte dann die Zinsen aus diesen Wertpapieren, um amerikanischen Firmen Aufträge zu erteilen und in Saudi-Arabien neue Städte zu bauen, neue Infrastrukturen usw. Und das Haus Saud stimmte zu, den Ölpreis innerhalb für uns akzeptabler Grenzen zu halten. Das haben sie auch in all diesen Jahren getan. Und wir verpflichteten uns, das Haus Saud an der Macht zu halten, solange sie dies taten."
 
Im Irak sei versucht worden, die gleiche Politik zu verfolgen, aber Saddam Hussein habe nicht angebissen, berichtet Perkins. Auch die Schakale der CIA hätten Saddam nicht erwischen können : „Seine Leibwächter waren zu gut. Er hatte Doppelgänger. Sie sind nicht an ihn herangekommen. Die dritte Verteidigungslinie, wenn die wirtschaftlichen Attentäter und die Schakale versagen, sind dann unsere jungen Männer und Frauen, die wir dorthin schicken - um zu töten und zu sterben. Das haben wir im Irak offen -sichtlich getan."
 
Er habe in seiner Zeit als economic hit man ständig Schuldgefühle gehabt, sei jedoch nie stark genug gewesen, den Verführungen von Sex, Macht und Geld zu widerstehen, bekennt Perkins auf seiner Buchtour und in Interviews. Den Mut zur Umkehr und zur schließlichen Veröffentlichung seiner Aktivitäten habe er erst angesichts der Terroranschläge vom September 2001 gefaßt. Da habe er gewußt, dass diese Geschichte erzählt werden muß, denn 9/11 sei eine direkte Folge dessen, was die Wirtschaftsattentäter tun.
 
Kein Wunder, dass Perkins in der Ära Bush lange suchen mußte, bis er einen Verleger für seine brisanten Bekenntnisse fand. Die großen internationalen Verlagshäuser fanden die Thematik zwar hochinteressant, wollten sich aber nicht die Finger verbrennen und schlugen vor, das Buch doch besser als Fiction, in Romanform, zu veröffentlichen. Diesmal gab Perkins nicht nach. Er überwand seine Angst, ignorierte die Drohungen, schlug die Bestechungsgelder aus und landete im Januar, drei Monate nach Erscheinen, auf der Bestsellerliste der New York Times.
 
Wird sich in Amerika nun herumsprechen, dass unbd wie Weltbank und Währungsfond, Bechtel und Halliburton, die Reichsten der Reichen, von den Ärmsten der Armen gestohlen haben und weiter stehlen? Wird sich etwas ändern? John Perkins ist erstaunlich optimistisch. Er schreibt schon am nächsten Buch.
 

"Bekenntnisse eines Economic Hit Man" von John Perkins ist im Riemann-Verlag erschienen und kostet 19 Euro

©Barbara Jentzsch
 
 
 
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