life-info.de
   
 Recherche
 
Erfolg der lifeinfo.de-Recherche:

Artikel im "Nordkurier - Neubrandenburger Zeitung" am 17.2.05 und
deutliche Reaktion der Landesrundfunkzentrale MV gegen die Nazifunker

Werbung für Nazi-Demo im Bürgerradio - Rundfunkzentrale untersagt Sendungen
••"Nordkurier"-Kommentar:
Wie offen darf ein Offener Kanal sein?



Unter den fest verstopften Ohren der Landesrundfunkzentrale MeckPomm wird im Neubrandenburger Offenen Kanal "NB 88.0",
kaum verbrämt, rechtsradikale Propaganda gesendet - wie jüngst ein geschichtsnegierender 30-Minuten-Aufruf zum neonazistischen "Dresden-Trauermarsch" am 13.2.05

Brauner Äther in Nord-Ost

©lifeinfo.de, 14.2.05

A
m gestrigen Dresdner Gedenksonntag war sich das "anständige Deutschland" wieder einmal einig - im ungläubigen Staunen.

Woher bloß kommen all die Neonazis her, die zu Tausenden zum "Trauermarsch" im Gedenken an "Bomben-Holocaust" und an den "Völkermord an Deutschland" in die Dresdener Innenstadt fluteten, so viele wie nie zuvor?

Man hatte wohl zum 60. Jahrestag der Bombardierung Dresdens mit einem starken braunen Durchsatz der Stadt gerechnet.

Doch immer, wenn Neonazis einmal wieder in neuen, größeren Rekordzahlen dem Ruf ihrer Führer folgen, hebt auch das rituelle Spekulieren darüber an, auf welch einen politischen Organisationsgrad der Opfertrip der braunen Truppen wohl mittlerweile schließen läßt.

Aufs Internet wird dabei gerne verwiesen - als des wohl wichtigsten Vernetzungs- und Mobilisierungsmediums der rechtsradikalen Szene. Freilich bekommt die unappetitliche Flut auf diese Weise fast schon eine naturgesetzliche, von außen kaum noch zugängliche Qualität und Zwangsläufigkeit zugesprochen. Gegen den Gebrauch des Internets zu rechtsradikalen Propagandazwecken, so scheint es, sind Politik und Behörden machtlos. Nur Hacker mögen hier vielleicht noch zeitweilig für Abhilfe sorgen.

Dort, wo die Verantwortlichen hingegen zwanglos tätig werden könnten, zeigt sich dagegen erstaunliche Toleranz gegenüber den schwarz gestiefelten Gesellen.

Jüngstes Beispiel: der "Offene Kanal" ("O.K.") im Lande Mecklenburg-Vorpommern. In der Stadt Neubrandenburg heißt er "NB-Radiotreff 88,0". Wobei, das sei vorweg gesagt, die Zahl 88 wirklich nur eine zufällige Sendekanal-Ziffer ist.


Turn the radio on - warum nicht mal rechts herum? Jugendliche im Neubrandenburger "Offenen Kanal"
(
Foto von der Website)

Das dortige "Selbermach-Radio für die Bürger" wird anscheinend schon seit geraumer Zeit als "national befreite Zone" genutzt. Von hier aus können - stundenweise - "Stalingradbriefe von Frontsoldaten" verlesen werden, es darf über "Kriegs- und Nachkriegsverbrechen an Deutschland", "alliierte Volkspädagogen und ihre Nachfolger" oder über die "Verleugnung der eigenen Kriegsopfer" lamentiert werden - unwidersprochen und in regelmäßigen Abständen.

"Einmal muß Schluß sein mit den ewigen Schuldvorwürfen gegen das deutsche Volk", läßt am 13.2. der sendungsbewußte Hobbyhistoriker André Lange durchs "O.K."-Mikrophon verlauten. Der tagesaktuelle 30-minütiger Beitrag, der Lange als Verantwortlichen nennt, wird in der Nacht noch einmal unter seinem scheinbar unverfänglichen Titel wiederholt:

"Dresden am 14.2.1045 - Dresden brennt nach den alliierten Bombenangriffen".


 
URL: http://www.nb-radiotreff.de/scripts/aktuellesendungen.asp

Was wie ein harmloses Geschichts-"Zeitzeichen" à la öffentlich-rechtlicher Rundfunk daherkommt, entpuppt sich beim Hören, nach einer kurzen Auflistung einschlägiger braunen Geschichtsmythen ("an die Opferzahl 35.000 eine Null hängen!"), als unverholener Werbeauftritt für den Dresdner Nazi-Aufmarsch am vergangenen Wochenende.

Die Sendung findet sich, damit sie sich auch nicht so folgenlos versendet, praktischerweise gleich noch auf dem Web-Auftritt der "Landsmannschaft Junges Ostpreußen/Landesverband Sachsen" in voller Länge als mp3-Musikdatei wieder. Die "Landsmannschaft" hatte den Umdeutungsmarsch der 5000 in Dresden organisiert (s. Abb.)


JLO Sachsen
Website der neonazistischen "JLO Sachsen", die Anmelder der rechtsradikalen Dresden-Demo am 13.2.05: URL: http://www.jlosachsen.de/ Ein Klick auf das Wort "Radiosendung" im Banner oben führt direkt zu dem mp3-File mit der Sendung von "NB-Radiotreff 88,0".


Kamerad Lange hat sich Gäste ins Neubrandenburger Studio eingeladen: "Alexander" (Kleber) aus Dresden, den Hauptorganisator der Demo (der sich zugleich als aktives Mitglied des honorigen Fördervereins zum Wiederaufbau der Dresdner Frauenkirche zu erkennen gibt), zusammen mit "Kay", einem weiteren Kameraden von der "Jungen Landsmannschaft Ostpreußen".

Die beiden Twenty-Somethings, Verteter der "Bekenntnisgeneration", werden komplettiert durch zwei ältere Exemplare der "Erlebnisgeneration": "Elli" stellt sich als "gebürtige Ostpreußin" vor, die im Alter von zwei Jahren flüchten mußte ("über Pommern bei -20 Grad von Mutti nach Dresden getragen"), und - kurz und trocken - "der Robert", der "Experte" für geschichtsrevisionistische Literatur. Deren anti-alliierte Zahlenakrobatik wird in der Sendung ausführlich und mit verteilten Rollen theatralisch vorgetragen.

Im "O.K."-Studio von Neubrandenburg sind sich die Gäste mit ihren neubrandenburger Moderatoren einig: Dresden braucht "endlich" ein Mahnmal für die Opfer des 13. Februar. Das deutsche Volk braucht zudem eine "Umerziehungsarbeit", in der die Toten der "alliierten Terrorangriffe" nicht weiter künstlich niedriggerechnet werden dürfen.

Der Staat versagt natürlich bei dieser pädagogisch wertvollen Aufgabe. Deswegen, so Demo-Anmelder Kleber über den Äther, muß die "in Vergessenheit" geratene Kunde von den "alliierten Kriegsverbrechen" von der Jugend "auf die Straße getragen werden". Und deswegen am Sonntag "würdevolles Totengedenken" in der Elbmetropole. Wer mitmarschieren will, für den wird die entsprechende Handy-Kontakttelefonnummer genannt: 0174-4632288, und die Website der "Jungen Landsmannschaft Ostpreußen". Wie praktisch:

"Nationales Info-Telefon" im freiheitlich-demokratischen Bürgerfunk.

Gut plaziert in der Mitte der Hörergesellschaft: ein brauner "Radio-Klub 88".

Ein Glück nur, daß die ambitionierten "O.K."-Funker - in der Regel Platt-Snacker-Vereine und Hobby-DJs, aber auch medieninteressierte Schüler und Studenten, folklorebesessene Einwanderergruppen und lustvolle Scouts durch den schwul-lesbischen Alltag -, im Kramladen zwischen Proll, Politik und Peinlichkeit ("Das Trainingsjacken- Journal") funktechnisch kaum über den Lokalradius von 30 km hinauskommen und dabei selten mehr als sich selbst erreichen - oder ihre eingeweihten örtlichen Fans. Für Sektierer und rechte Politschrott-Händler ein idealer legaler Funk-Verkehrsgarten.

Jeder, der will, darf - kostenlos, unzensiert, wie ihm der Schnabel gewachsen ist und mit einem High-End-Equipment vom Feinsten - senden, wie und was er will: das ist, auch wenn kaum ein Schwein zuhört, die komfortabelste Meinungs- und Informationsfreiheit, die die Demokratie zu bieten hat. Ihr ist das bürgerfunkige "Prinzip Offener Kanal" von Anbeginn an verpflichtet. Die "O.K."-Regularien sind demgemäß auch nur sehr locker gestrickt:

In Mecklenburg-Vorpommern beispielsweise verlangt die "Satzung der Landesrundfunkzentrale zur Gestaltung... der Offenen Kanäle" kaum mehr als die Einhaltung der allgemeinen Gesetze und "die Würde des Menschen sowie die sittlichen, religiösen und weltanschaulichen Überzeugungen anderer zu achten".

Wer sich auf dieser Grundlage bewegt, kann - bis zum Nachweis der Strafbarkeit - seine subjektive Meinungs- oder Geschmacksfreiheit bis an die Grenze des Erträglichen strapazieren. Die öffentlich-rechtliche Rundfunk-Ethik der Ausgewogenheit, der journalistischen Wahrheits- und Sorgfaltspflicht. der Binnenpluralität - im "O.K." alles notfalls entbehrlich. Der Sendetitel muß, mit einem Namen des Verantwortlichen versehen, beizeiten eingereicht werden, das ist alles. Eine automatische Nachkontrolle findet nicht statt. Und auch die Mitarbeiter des "O.K." selbst hören gewöhnlich die Sendungen nicht, die in ihrem Hause produziert werden. Angesichts der manchmal vielleicht etwas enervierenden Aufgabe eine nachvollziehbare Abstinenz; freilich manchmal auch ein schwerer politischer Fehler.

In Berlin hatte der dortige "O.K." vor Jahren schon mal alle Mühe, die rassistisch-nationalistischen Kameraden von "Radio Germania" dem Sendebetrieb fernzuhalten. Die Braunen, juristisch immer exquisit beraten, bemühten damals von sich aus die Gerichte, als ihnen das Mikro durch die Leitung des Bürgersenders abgedreht wurde. Es dauerte Monate, bis der Kampf vor den Gerichten schließlich gegen die braunen Deutschland-Funker entschieden wurde.

Die Neubrandenburger Funk-Amateure dagegen wissen genau, was die "causa Dresden" ihnen gebietet. Sie bleiben immer einen guten Millimeter unter der Strafbarkeitsschwelle. Und damit die Tarnung auch rundum gelingt, zitieren sie auch mal, gesamthumanistisch "gegen jeden Krieg" gestimmt, den Propheten Jesaiah, fragen mit getragenem Timbre in der Stimme "Warum läßt Gott so was zu - ja, warum?", oder verurteilen pathetisch alle "Verbrechen gegen die Menschlichkeit". Glockenklang Frauenkirche - ein Schelm, wer Braunes dabei denkt...

Die wahren Kameraden an den Radiogeräten in der Stadt werden feixen und sich freuen, daß ihre Gesinnungsfreunde so unangreifbar in der neuerdings vielbeachteten "Mitte der Gesellschaft" auf Sendung gehen und sogar zu _dem_ zentralen rechtsextremistischen Propagandamarsch dieses Frühjahrs aufrufen können. Alles legal, alles gerichtsfest. Alles doch eigentlich ganz harmlos...

Dem Vernehmen nach prüft die Landesmedienzentrale MV derzeit die braune Wochenendbeilage. Die Leitungsebene der Schweriner staatlichen Medienwächter konnte zu einem Statement leider nicht befragt werden, sie befindet sich derzeit auf Dienstreise. Auch die Leiterin des neubrandenburger "O.K." ist grippebedingt nicht erreichbar. Ein möglicher Ausschluß der Nazifunker von ihrem Treiben ist ohnehin kaum in absehbarer Zeit zu erwarten - zu schwammig die gesetzlichen und satzungsmäßigen Vorgaben, zu geschickt die Formulierungskünste der Rechts-"Historiker" in ihrer Sendung. Kein Staatsanwalt wird da anbeißen.

So ist eine Forderung eigentlich naheliegend: daß sich die unverdächtige demokratische Mehrheit des "NB-Radiotreffs" im Sinne der Betriebshygiene um die Sache selber kümmern und sich der rechten Geisterfahrer im neubrandenburgischen Funkverkehr mit eigener Kraft entledigen möge.

Dazu müßten sich die Demokraten im "O.K." nur den Namen ihres Senders noch einmal deutlich vor Augen halten: "Selbermach-Radio".

Und dann, analog zum Auftrag des Namens, konkret und entschlossen handeln. Die braunen Jungs auf dem Flur zur Rede stellen. Ihnen ihre Manuskripte um die sprichwörtlichen Ohren hauen. Resolutionen gegen sie verfassen. Und deren bisher ausgestrahlten Beiträge nachträglich einzeln einer strukturierten öffentlichen Diskussion unterziehen. Historiker, Zeitzeugen, Politologen, die vor Publikum die braunen Sendwerke fachkundig Satz für Satz zerlegen könnten, gibt es in dieser Republik gottlob noch zuhauf. Lifeinfo.de ist gerne bei der Vermittlung behilflich.

Der Berliner "Bundesverband Offene Kanäle e.V.", die Lobby der Hobbyfunker, wäre darüber hinaus gut beraten, gründlich, republikweit und schnell nach eventuellen braunen Agit-Prop-Nestern in allen seinen angeschlossenen Funkhäusern zu fahnden. Selber machen macht schließlich Spaß...

"O.K." - dann macht mal schön!



Hinweise:

Landesrundfunkzentrale MV
Bereich Technik, Offene Kanäle und
Medienkompetenzförderung: Wolfgang Remer
Telefon: 03 85/55 881-18
e-mail: w.remer@lrz-mv.de

Bundesverband Offene Kanäle e.V.
Jürgen Linke 
Voltastraße 5
D-13355 Berlin
Tel.: 030 - 46 40 05-0
Fax: 030 - 46 40 05 98
email: bok@okb.de


• 
"Alexander" (Kleber) u. "Ellie" (Dobberstein) im Bild, beide Mitglied in der rechtsextremen JLO

 
Home


Changing LINKS

sponsor

Free Web Counter

sponsor