EXKLUSIV


Martin Ebbing
Martin Ebbing - Teheraner Briefe

Teheran, den 10.2.2005

Es schneit.
 
Es schneit schon seit Tagen. Es begann mit dicken, nassen Flocken am
Mittwochabend, die schnell schmolzen, aber über Nacht war es kälter geworden
und am Donnerstagmorgen hatte sich eine weiße Schicht über die Stadt gelegt.
Seither hat es aus einem schweren grauen Himmel geschneit und geschneit. In
den Mittagesstunden setzt leichtes Tauwetter ein, aber mehr als das, was am
Tag weggeschmolzen ist, kommt am Abend wieder dazu. Auf den Hausdächern
gegenüber meinem Wohnzimmerfenster dürfte der Schnee vielleicht dreißig oder
auch vierzig Zentimeter hoch liegen.
 
Es ist eine Landschaft, wie Postgartendesigner zu Weihnachten malen. Die
großen grau-schwarzen Krähen, die auf der Suche nach Futter am Straßenrand
im Müll picken, müssen sie allerdings weglassen.
 
Der Schnee schluckt den Schall. Am Morgen ist es so ruhig, dass man völlig
vergessen, in einer der lärmendsten Städte, die diese Welt zu bieten hat, zu
wohnen. Gegen Mittag sind dann die ersten Rufe „Barfi! Barfi!" zu hören, mit
denen junge Männer ihre Dienste als Schneeräumer anbieten. Oft sind ihre
billigen Lederschuhe ganz von der Nässe durchweicht. Frierend ziehen sie
ihre Schultern in den dünnen Jacken zusammen.
 
Nachts durchbricht gelegentlich ein hoher, heulender Ton die Stille. Ein
Paykan, ein Kia oder ein Peugeot versucht der Glätte zum Trotz die steile
Strasse hinaufzufahren. Der Vorderradantrieb ist dieser Herausforderung
nicht gewachsen und die Räder drehen auf dem Eis ins Leere. Aber iranische
Fahrer, deren ganzes Dasein eigentlich eine einzige Schwierigkeit ist,
bleiben hartnäckig. Sie warten, bis die durchdrehen Reifen das Eis
geschmolzen und wieder Halt gefasst haben, nutzen den kurzen Moment, um
einen Schritt weit voranzukommen und beginnen das Spiel dann von neuem.
Reifenhändler muss derzeit ein Bombengeschäft sein.
 
Schnee ist in Teheran nicht ungewöhnlich. Wie in Europa auch wissen die
Älteren davon zu erzählen, wie es in ihrer Jugend oft tagelang geschneit und
sie als Kinder Schneemänner gebaut oder bei der Großmutter am Korsi (ein
Tisch mit einem schweren Decke, der von unten mit Holzkohle beheizt wird)
ihre verfrorenen Beine gewärmt haben. Meist enden solche nostalgischen
Anflüge in der Verwirrung darüber, ob früher tatsächlich der Schnee höher,
der Sommer viel wärmer und das Grass viel grüner war.
 
Aber &endash; auch die Nachrichten bestätigen, dass es lange im Iran nicht so einen
Winter gegeben hat. 26 Jahre sei es her, dass es so viel geschneit habe. Nun
wird in wenigen Tagen die iranische Revolution ebenfalls 26 Jahre alt, was
bei mir ein wenig den Verdacht aufkommen lässt, dass die Kollegen vielleicht
geistig so mit den anstehenden Feierlichkeiten okkupiert sind, dass sie da
zwei Termine durcheinander gebracht haben. Ich kann mich jedenfalls nicht
daran erinnern, auf irgendeinem der Fotos der Revolutionstage eine
Schneeflocke gesehen zu haben.
 
Wie auch immer. Fest steht, dass es der iranischen Regierung nicht gelungen
ist, einen funktionierenden Räumdienst einzurichten. Er mag existieren, aber
nicht in meiner Nachbarschaft und von meinem Bürofenster aus kann ich sehen,
wie sich auf einer der großen Autobahnen der Stadt die Autos jeden Morgen
erneut wie tastende Schildkröten den Weg durch das Weiß bahnen.
 
Heute habe ich zum ersten Mal auf der Schariati Strasse ein Räumfahrzeug
gesehen, aber es stand untätig an der Seite. Weit und breit war kein Fahrer
zu sehen. Es gibt sie also und doch gibt es sie nicht.
 
Auch die Häuser sind auf das Wetter nicht vorbereitet. Der Aufenthalt in der
Nähe meiner Fenster ist nur im Wintermantel zu empfehlen, denn die Kälte
dringt durch alle Ritzen. Die Heizkörper sind nur lauwarm, was daran liegen
mag, dass der Durchlauferhitzer mir bislang technischen Mysterium geblieben
ist. Die Nachbarn sagen, es funktioniert, aber sie sagen nicht, wie.
 
Am Mittwoch und am Donnerstag hat unserer Kamin, in dem gasgefütterte
Flammen durch eine steinerne Holzstossimitation züngeln, ein wenig zur
Heizung der Wohnung beigetragen. Am Freitag war der Gasdruck aber nicht mehr
ausreichend, um das Sicherheitsventil zu überlisten. Offensichtlich sind die
Nachbarn dazu übergegangen, ihre Gasherde dazu zu nutzen, ein wenig
Behaglichkeit zu erzeugen.
 
Auf ein elektrisches Heizgerät auszuweichen, wäre nur zeitweise eine
Alternative. Immer wieder fällt der Strom für ein, zwei Stunden aus. Äste
sind unter der Last des Schnees abgebrochen und auf Stromleitungen gefallen,
Tauwasser ist in die Schaltkästen gesickert.
 
In den Stunden ohne Strom stehe ich mit einer Tasse heißem Tee am Fenster.
Weiße Flocken taumeln schaukelnd vom Himmel.
 
Es schneit.

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Martin Ebbing ist freier Journalist und lebt in Teheran.
 





 



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