Susan Sontag
Friedenspreis des deutschen Buchhandels 2003




Kein Blatt vor dem Mund

Von ©Barbara Jentzsch, Washington DC
 
"Ob ich mich als Intellektuelle sehe, spielt keine Rolle. Wenn man
mich braucht, bin ich zur Stelle". Solange sie sich auf ihre
glänzenden kulturkritischen Essays konzentrierte, wurde Susan Sontag in
ihrer amerikanischen Heimat in der Tat gebraucht. Als Aushängeschild,
als "Paganini der Literaturkritik". Die mit Schönheit und
Selbstbewusstsein gesegnete "Dark Lady of American Letters" war der
glamouröse Star unter den Intellektuellen. Doch seit ihrer beissenden
Kritik an den US Medien - wegen deren einseitiger Berichterstattung
zu den Terroran schlägen vom 9. September - gilt die Essayistin,
Schriftstellerin und Filmemacherin in George Bushs Amerika als
Nestbeschmutzerin, persona non grata. Dass sie ihre Position
längst abgemildert hat, interessiert niemanden. Ihr neues Buch "Vom
Leiden der anderen " hat nur wenig Aufmerksamkeit gefunden, und auch
zu ihrem 70 Geburtstag, im Januar dieses Jahres, blieb es auffallend
still um die lebenslange Human Rights-Aktivistin, ehemalige Pen-
Präsidentin und diesjährige Preisträgerin des Friedenspreises des
Deutschen Buchhandels. Nur Amerikas Rechte liessen sich etwas
einfallen: sie lobten einen Susan Sontag-Preis aus, der für die
"blödeste politische Äusserung" vergeben wird.
 
Viel Feind, viel Ehr? Susan Sontag nimmt die Dinge wie sie kommen.
Sie hat sich erst kürzlich von einer zweiten Krebserkrankung
erholt und lässt Ärgernisse an sich abprallen. Im Vergleich zu
früher lebe sie heute bedeutend ruhiger, sagt die in einem Penthouse
im New Yorker Stadtteil Chelsea lebende Schriftstellerin. Tür an Tür
wohnt sie dort mit der Starfotografin Annie Leibowitz, ihrer um 17
Jahre jüngeren Lebensgefährtin. Über ihr Privatleben verriet Sontag
jahrzehntelang keine Silbe.Erst als vor zwei Jahren eine
unautorisierte Biografie erschien " Susan Sontag.The Making of an
Ikon",spannend geschrieben und hervorragend recherchiert von Carl
Rollyson und Lisa Paddock, begann sie, über sich selber zu reden, ganz
gezielt biografische Schnipsel zu verstreuen.
 
Susan Sontag wurde am 16. Januar 1933 in New York als Susan Lee
Rosenblatt in eine jüdische Mittelstandsfamilie geboren. Die ersten
Jahre verbringt die Tochter eines in China arbeitenden Pelzhändlers und
einer Lehrerin in der Obhut der Großeltern. Das mit Asthmaanfällen
geplagte Wunderkind Susan darf die ersten beiden Klassen überspringen.
Als Siebenjährige bringt sie die ersten Texte zu Papier. Gedichte,
Abenteuer- und Reisegeschichten. Sie sei schon als Kind gern auf Reisen
gegangen, zumindest in Gedanken, sagt Sontag. An ihre Kindheit erinnert
sie sich als eine lange währende Gefangenschaft. Gefangen im Zustand
des "Andersseins": "Kindsein missfiel mir, weil ich nicht tun konnte,
was ich wollte. Ich war ruhelos und wünschte mir zu reisen, Europa und
die Welt zu sehen, Ich war ein aufgewecktes, wissbegieriges Kind,
wollte lesen, schreiben und so schnell wie möglich erwachsen werden."
 
Zur emotional abweisenden Mutter hat Sontag zeitlebens ein
distanziertes Verhältnis. Im Alter von fünf verliert sie den Vater. Es
bleiben die Bücher. Die Biografie von Marie Curie beeindruckt sie so
stark, dass sie beschließt, Chemikerin zu werden, oder Ärztin. Sie
sehnt sich nach noblen Aufgaben, sieht auch die Literatur als etwas
Erhabenes. Als Teenager an der North Hollywood Highschool in Los
Angeles verschlingt sie Thomas Manns Zauberberg und lädt sich beim
berühmten Exilautor zur Teestunde ein. Biograf Rollyson: "Sie war ein
frühreifes Kind, eine Leseratte wie so viele Schriftsteller im
Kindesalter. Schon im Gymnasium schrieb sie Geschichten, Gedichte und
Theaterstücke, schrieb für die Schülerzeitung und zeigte ein
leidenschaftliches Interesse für Musik und Tanz. Fast alle ihre
künstlerischen Interessen stammen aus der Schulzeit."
 
Als Schülerin entdeckt sie Schostakowitch, Bartok und die
Literaturzeitschrift "Partisan Revue". 1948 beginnt sie im Alter von 15
ihr Studium an der Universität von Chicago. Zwei Jahre später trifft
sie dort den Soziologie-Dozenten Phillipp Rieff. Nach zehn Tagen wird
geheiratet. Die beiden Highlights der Ehe, heißt es später in den
Medien, seien der 1952 geborene Sohn David und die bemerkenswerte
Tatsache, dass Susan Sontag wohl die einzige Frau und Mutter in der
kalifornischen Geschichte sei, die auf Unterhaltszahlungen für ihren
Sohn verzichtet habe. Leisten kann sie sich das eigentlich nicht, aber
sie will den Sohn allein erziehen, will unabhängig und ihrem Ex-Ehemann
gegenüber zu nichts verpflichtet sein. Erst nach der Scheidung hat ihr
literarisches Leben begonnen. Sontags erster Roman "The Benefactor "wird
von den Kritikern 1963 mit Wohlwollen auf genommen. Mit einem Schlag
bekannt macht sie dann der ein Jahr später erscheinende kulturkritische
Essay "Notes on Camp" mit dem Untertitel Reflexionen zur Dandy-Ästhetik.
Camp fesselt die Leser, weil Sontag Neuland beschreitet, als sie "high
brow and low brow art" mit gleicher Aufmerksamkeit bedenkt - also die
elitäre klassische Kultur der Popkultur nicht überordnet. Über die
Bedeutung der Kunst der Gegenwart, über Happenings und
Undergroundkunst, die Bedeutung von Fotografie oder Pornographie ist
vor Susan Sontag so noch nicht nachgedacht worden. Sontag habe auch in
ihrem nächsten und besten Essaysammelband "Against Interpretation" Dinge
zum Thema gemacht, die vorher literarisch selten verarbeitet wurden,
manche Entwicklungen geradezu prophetisch vorwegnahmen und das
amerikanische Bewusstein in der Folge stark beeinflussten, sagt ihr
Biograf. Ihr Timing sei oft unglaublich gewesen:

"Sie ist geworden, was
sie ist, weil sie ein unglaubliches Gespür für Timing hat. Sie hat
ihren Essay über Camp genau zur rechten Zeit herausgebracht, gerade als
die Sixties in der kulturellen Wahrnehmung zu dem wurden, was wir heute
die sechziger Jahre nennen. Sie schreibt über Science Fiction wenige
Jahre bevor es Collegekurse über Science Fiction gibt. Sie macht
Pornografie zum Thema, rätselt ob die Form Legitimation hat, wieder und
wieder trifft sie ins Schwarze mit ihren Fragen."

Lisa Paddock, Rollysons Co-Autorin, bewundert den Mut und die innere
Stärke der Susan Sontag:

"Durch schiere Willenskraft hat sie es vermocht, sich in der
Gesellschaft einen Platz als eine öffentlich anerkannte Intellektuelle
zu verschaffen, etwas, das es eigentlich gar nicht mehr gibt. In dieser
Funktion schreibt sie dann Leitartikel nicht nur über das jüngste
literarische Ereignis, sondern auch über George Bushs Reaktion auf
"9-11" oder was sich in Sachen Irak tut. Ganz ähnlich hat sie reagiert,
als sie als junge Frau an Brustkrebs in einem schlimmen Stadium
erkrankte - was hat sie gemacht? Obwohl sie zu der Zeit so gut wie kein
Geld hatte, fand sie Leute, die es ihr ermöglichten nach Frankreich zu
gehen, wo sie sich einer experimentellen Chemotherapie unterzog, die
anderen Leuten viel zu riskant war. Sie hat überlebt und weitergemacht,
und dazu hat meines Erachtens eine Menge Mut gehört." Die Erfahrungen
ihrer ersten Krebserkrankung hat Sontag 1978 in dem tabubrechenden Buch
"Krankheit als Methapher" beschrieben. Darin attackiert sie die Mode
gewordene Haltung, Krankheit als Metapher für Schuld und Strafe
anzusehen. Unter dem Eindruck der weltweit grassierenden Aids-Seuche
überarbeitet und erweitert sie das Buch und veröffentlicht es 1988 neu
mit dem Titel "Aids and Its Metaphors". Über ihren oft zitierten Mut, mit
Krankheit und Krebs umzugehen, Unglück in etwas Gutes zu verwandeln,
schreibt sie, das sei keine besondere Leistung, sondern eine Frage der
Einstellung und der verfügbaren Energien: "Mir geht es gut. Ich bin zum
zweiten Mal Krebspatientin, und es ist ein neuer Krebs, keine
Metastasen von vorher. Mir liegt daran, die Leute zu ermutigen, sich
eine gute Behandlung zu suchen. Ich hatte eine sehr gute Behandlung,
die allerdings sehr schmerzhaft war, mich letzten Endes aber geheilt
hat. Heute können die meisten Krebsarten geheilt werden, wenn man
rechtzeitig behandelt wird. Mir ist es wichtig, darüber öffentlich zu
sprechen und das Tabu zu brechen, das besonders mit Krebs verbunden
ist. Krebs ist eine Krankheit wie jede andere, allerdings eine ziemlich
ernste Krankheit."

So wie sie ihren Krebs nicht einfach hingenommen,
sondern bekämpft hat, so vehement und unermüdlich engagiert sich Susan
Sontag seit Jahrzehnten auch auf der politischen Ebene. Sie gehörte
schon zu den Gründungsmitgliedern der Anti-Vietnamkriegsbewegung,
unterstützte als PEN-Präsidentin Salman Rushdies Rechte, legte sich zu
Solidarnosc-Zeiten aber auch mit der amerikanischen Linken an, als sie
Kommunismus als Faschismus bezeichnete und wurde beschuldigt, einen
Vorwand für Selbstinszenierung gesucht zu haben, als sie 1992 in
Sarajewo Becketts Theaterstück "Warten auf Godot" aufführen ließ. Susan
Sontag über ihre Art Aktivismus: "Streng genommen ist Aktivismus etwas,
was ich als Bürgerin und Mensch tue. Es hat nichts mit der
Schriftstellerin zu tun. Ich hoffe, dass ich auch nach Sarajewo
gegangen wäre, ohne Schriftstellerin zu sein, denn wegen der
Schriftstellerei bin ich nicht dort hin gegangen. Ich wollte in der
Stadt arbeiten und leben - so glaube ich, muss ich es angehen, das
Wichtige und für mich Richtige zu tun." Welche Rolle kann jemand wie
Susan Sontag im terrorbesessenen, sich rasant zum Überwachungsstaat
entwickelnden Amerika heute noch spielen? Biograf Rollyson meint dazu:

"Ihre Bedeutung liegt, glaube ich, darin, dass sie artikulieren kann,
was ein großer Teil der amerikanischen Intellektuellen immer noch denkt
und sagt. Ich denke da an ihre Kritik an Präsident Bush und Amerikas
Reaktion auf den Terroranschlag auf das World Trade Center ... ihre
Kritik am Selbstmitleid der Amerikaner. Ob man ihren Standpunkt nun
teilt oder nicht - Susan Sontag ist zur Stelle, ist weiterhin eine
intellektuelle Provokateurin."
 
Sie hoffe, dass sie bei der Preisverleihung in der Frankfurter
Paulskirche eine Rede halten werde, die der berühmten Träger dieses
Preises würdig sei, hat Susan Sontag gesagt. Und hinzugefügt:
natürlich sei ihr der Gedanke gekommen, dass die deutsche Jury
vielleicht eine amerikanische Kritikerin der amerikanischen Politik
unterstützen wollte. Hinweise darauf habe sie aber nicht . Sollte sie
noch welche suchen und finden, kann man sich darauf verlassen, dass
Sontag sich bei den Preisverleihern bedanken wird.

Auf ihre Art.



Susan Sontag: Frankfurter Friedenspreisrede
"Sind Amerika und Europa Feinde?"


Susan Sontag:
"Deutschland ist kein normales Land"


SPIEGEL ONLINE - 24. Juni 2003, 13:45
URL: http://www.spiegel.de/kultur/literatur/0,1518,254381,00.html
 
Interview mit Susan Sontag
 
"Amerika ist ein Land voll religiösem Irrsinn"
 
Die US-Intellektuelle und Kulturtheoretikerin Susan Sontag über ihre Auszeichnung mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels, die radikale Veränderung der amerikanischen Außenpolitik unter George W. Bush und den gesellschaftlichen Gegensatz zwischen Europa und den Vereinigten Staaten.
 
Susan Sontag, 70, gilt unter US-Intellektuellen als eine der schärfsten Kritikerinnen der Bush-Regierung. Vergangene Woche war bekannt geworden, dass die bekannte Essayistin im Oktober mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet wird


Frau Sontag, welche Bedeutung hat die Auszeichnung mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels für Sie?
 
Susan Sontag: Diese Auszeichnung ist eine große Ehre, mit der ich nicht gerechnet habe. Ich hoffe, dass ich bei der Preisverleihung eine Rede halten werde, die der berühmten Träger dieses Preises würdig ist.
 
Betrachten Sie den Preis vor allem als Anerkennung Ihrer literarischen Arbeit oder sehen Sie darin auch eine Würdigung Ihrer politischen Positionen, vor allem gegenüber der amerikanischen Außenpolitik?
 
Sontag: Diese Frage habe ich mir natürlich auch gestellt. Ich bin bekannt als eine Kritikerin der Regierung und der Politik von George W. Bush. Also kam mir natürlich der Gedanke, dass die deutsche Jury vielleicht eine amerikanische Kritikerin der amerikanischen Politik unterstützen wollte. Aber natürlich habe ich keine Hinweise darauf, dass dies so ist, und ich hoffe und glaube, dass es eine rein literarische Auszeichnung ist.
 
Welche Entwicklungen in der amerikanischen Außenpolitik beobachten Sie derzeit? Was hat sich an dieser Politik verändert?
 
Sontag: Nach der Amtsübernahme Bushs hat sich einiges verändert. Bushs Leute sind sehr radikal, das ist eine große Neuerung in der Außenpolitik. Beispielsweise haben die Amerikaner das Wort Regimewechsel benutzt, als es um das Ziel des Irakkriegs ging. Ich würde aber auch sagen, dass es in meinem Land einen Regimewechsel gegeben hat. Wir haben einen Präsidenten, der nicht gewählt ist - wenn er auch im Jahr 2004 leider letztlich doch noch gewählt werden wird. Und dieser Präsident steht für eine radikale Veränderung der amerikanischen Außenpolitik - eine Veränderung, der ich mich entschieden widersetze.
 
Die offiziellen politischen Beziehungen zwischen den USA und Deutschland sind derzeit gespannt. Was meinen Sie dazu?
 
Sontag: Ja, in der Tat, die Beziehungen zwischen den beiden Ländern sind derzeit gespannt. Allerdings wird Frankreich, das den Irakkrieg ja ebenfalls abgelehnt hat, von den Vereinigten Staaten noch stärker abgestraft als Deutschland. Das hat tiefe kulturelle Gründe.
 
Welche Gründe? Entwickeln etwa die amerikanische Gesellschaft und einige westeuropäische Gesellschaften wie Deutschland oder Frankreich inzwischen unterschiedliche Grundwerte und Ideale?
 
Sontag: Ich glaube, dass es heute tatsächlich eine bestimmte Divergenz der Werte zwischen Europa und den Vereinigten Staaten gibt, auch tief greifende kulturelle Unterschiede. Zwei Dinge sind sehr offensichtlich: Zum einen ist dies der Bereich der Religion. In Europa sind viele Menschen sehr weltlich eingestellt. Die Vereinigten Staaten dagegen sind ein Land voll von religiösem Irrsinn, und dass religiöse Worte verwendet werden, um staatliches Handeln zu rechtfertigen, wird weitgehend akzeptiert.
 
Und der zweite gravierende Unterschied?
 
Sontag: Deutliche Unterschiede gibt es auch bei der Haltung zur Gewalt. In den Vereinigten Staaten glauben viele, dass jeder Mensch das Recht hat, Waffen zu besitzen. Zumindest wird das den Menschen so vermittelt. Das ist in Europa anders.
 
Glauben Sie denn, dass diese Unterschiede in Zukunft Bestand haben werden?
 
Sontag: Die Unterschiede wachsen zwar, ich glaube aber nicht, dass sie ewig oder unumkehrbar sind. Problematisch ist nur, wenn eine Regierung wie die jetzige die ideologische Hegemonie in den Vereinigten Staaten innehat. Es gibt derzeit einfach keine politische Opposition: Die Demokraten haben keinen Mut und stehen nicht wirklich für eine andere Politik. Deshalb wird es weiterhin große Unterschiede zwischen Europa und Amerika geben. Problematisch ist auch, dass die USA so mächtig sind. Inzwischen wollen die Amerikaner ja gar nicht mehr gemocht werden. Es ist ihnen egal, was man von ihnen hält - in Europa und anderswo.
 
Interview: dpa



 



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