"RFK must die" - war die CIA dabei?
 
Haben Verschwörungstheorien recht, die immer schon die CIA hinter dem Attentat auf Robert F. Kennedy gesehen haben? Am 20. November, Kennedys 81. Geburtstag, gab die BBC dieser These in einer Reportage neue Nahrung mit bisher unbekannten Film- und Fotodokumenten aus jener Nacht, als "RFK" in einem Hotel in Los Angeles ermordet wurde. Wie sich jetzt herausstellt: unter den Augen der CIA. Für den verurteilten Mörder Sirhan B. Sirhan eine neue Hoffnung - und vielleicht seine letzte Chance

 

Erst jetzt identifiziert: 2 CIA-Beamte im Foyer des Hotels, in dem
Robert F. Kennedy kurz darauf ermordet wird (
realplayer-Film)


Von Paul Nellen (©life-info.de, 28.11.06)
 
Los Angeles, 5. Juni 1968 kurz nach Mitternacht. Die Wahllokale für die kalifornischen Vorwahlen sind seit wenigen Stunden geschlossen. Soeben beendet ein siegreicher Robert F. Kennedy im überfüllten Ball-Saal des "Ambassador"-Hotels am Wilshire Boulevard vor fast 2000 jubelnden Anhängern seine Dankesrede. Auf dem Wahlparteitag der Demokraten in Chicago scheint die Nominierung des 43-Jährigen Senators so gut wie sicher. Kennedy will den Vietnam-Krieg sofort beenden, die Truppen heimführen und die sozial und politisch tief gespaltene Nation wieder einen - das soll seine Botschaft im bevorstehenden Kampf um des Weiße Haus gegen den Republikaner Richard Nixon sein. Es sind die letzten Worte, die die Nation von dem früheren Justizminister im Gedächtnis behalten wird. Denn um in Chicago zu gewinnen, muß Kennedy erst einmal die enge Kaltküche des "Ambassador" passieren.
 
Während "RFK", wie der Bruder des in Dallas unter rätselhaften Umständen am 22. November 1963 ermordeten Präsidenten John F. Kennedy überall genannt wird, den Küchenangestellten die Hände schüttelt, löst sich ein junger, kleinwüchsiger Mann mit schwarzem, strubbeligem Haar aus der Menge. Er zielt mit einem Ivar-Johnson-Revolver Kaliber .22 auf den erschöpften, aber glücklich lächelnden Wahlkämpfer direkt vor ihm und drückt ab. Schwer in Brust und am Kopf getroffen sinkt der Senator zu Boden. Querschläger verletzen einige Freunde und Helfer Kennedys, zum Glück nicht ernsthaft. "Sind alle OK? Ist Paul (Schrade) OK?" haucht Kennedy seiner Frau Ethel noch ins Ohr, ehe er das Bewußtsein verliert. Während ein Sanitätsfahrzeug den sterbenden Hoffnungsträger der Demokraten ins nahegelegene "Central Receiving Hospital" abtransportiert, wird der überwältigte Schütze der Polizei übergeben: Sirhan B. Sirhan, ein zehn Jahre zuvor eingewanderter 24-jähriger Palästinenser jordanischer Staatszugehörigkeit.
 
Anders als im Fall John F. Kennedy fünf Jahre zuvor kann die Akte RFK/Sirhan schnell geschlossen werden. In der Jackentasche des Attentäters hatte, zur Überraschung und Erleichterung der Polizei, ein unzweideutiger Hinweis auf das Tatmotiv gesteckt: ein amerikanischer Zeitungsartikel, der Kennedys Abzugspläne für Vietnam und seine Unterstützung für Israel verurteilte. In sein Tagebuch, das man später fand, hatte Sirhan mehrfach hektisch untereinander den Satz gekritzelt: „RFK must die - RFK muß sterben - sterben sterben!" Sirhan ist geständig, er kann sich allerdings, selbst unter Hypnose durch Spezialisten der Verteidigung und der Anklage, überhaupt nicht an die Vorbereitung und an die Tat selbst erinnern. Im April 1969 fordert er vor Gericht die Todesstrafe für sich. Er hat eingesehen, dass er der Mörder war. Der Gaskammer entgeht er nur, weil 1972 Hinrichtungen in Kalifornien eine zeitlang als verfassungswidrig untersagt werden. Seitdem sitzt er im zentralkalifornischen Hochsicherheitsgefängnis von Corcoran eine lebenslange Strafe ab. Charles Manson, der Mörder der Schauspielerin Sharon Tate, ist sein Zellennachbar.
 
Gerüchte und Mutmaßungen machten schon vom ersten Tage an die Runde, es habe bei den polizeilichen Ermittlungen Unregelmäßigkeiten und Vertuschungen gegeben:

• Der einzige bewaffnete Sicherheitsmann in Kennedys Nähe, Thane Eugene Cesar, ein für den Wahlabend angeheuerter ausgewiesener Feind der Kennedys, kann den Tatort samt seiner Waffe unüberprüft verlassen.

• Zeugen, die verdächtige Personen und einen anderen Tathergang beobachtet haben wollen, werden von der Polizei eingeschüchtert und gezwungen, ihre Aussagen zu widerrufen.

• Die Filme eines jungen Fotografen, der in der Kaltküche Aufnahmen von Kennedy im Moment der Tat gemacht hatte, werden beschlagnahmt und, zusammen mit weiteren Beweisstücken vom Tatort, "versehentlich" der Verbrennung zugeführt - später heißt es, die Asservatenkammer im Polizeihauptquartier der Millionenmetropole Los Angeles sei "zu klein" gewesen.

• Es werden am Tatort mehr Patronen gezählt, als Sirhans 8-Schuss-Revolver eigentlich halten konnte: 3 trafen Kennedy tödlich, 1 durchschlug das Schulterstück seinet Jacke, ohne ihn zu verletzen, 5 verletzten Umstehende, ein Projektil steckte in einem Türrahmen.

 Am schwersten aber wiegt der offizielle Autopsiebericht, in dem zweifelsfrei feststellt wird, dass die tödlichen Schüsse Kennedy alle von hinten aus ca. 5 cm Distanz trafen. Sirhan dagegen stand, von keinem Zeugen bestritten, direkt vor dem Senator. Hat da noch ein zweiter Schütze geschossen? Wurde Robert Kennedy Opfer einer Verschwörung wie möglicherweise sein Bruder John?
 
Nichts von alledem kam im Jahr darauf beim Sirhan-Prozess wirklich zur Sprache. Ein Täter, eine Waffe, vor allem aber ein Geständnis - die Justiz war zufrieden und wollte den Fall rasch hinter sich bringen. Bloß keine Verschwörungstheorien wie im Fall des ermordeten Bürgerrechtlers Martin Luther King! Und definitiv kein zweites Dallas!
 
Auch wenn immer wieder versucht wurde, die Ungereimtheiten des RFK-Attentats für ein Wiederaufnahmeverfahren zu nutzen oder aus ihnen eine Verschwörung zu rekonstruieren - die Theorie von Sirhan, dem politisch motivierten Einzeltäter, wird bis heute unerschütterlich von den Behörden verteidigt. Und auch von der Kennedy-Familie, die kein Interesse daran zeigt,nach 38 Jahren den Fall noch einmal aufrollen zu lassen.
 
Spekulationen, dass Sirhan möglicherweise von Unbekannten psychologisch manipuliert wurde, um als willen- und erinnerungsloser "Roboter-Mörder" zu töten, gab es sogleich, als im Verlauf des Gerichtsverfahrens bekannt wurde, dass Sirhan selbst unter Hypnose keinerlei Erinnerung an die Tat besaß - und sich bis heute nicht erinnern kann, wie er behauptet. Bewußtseinsmanipulierende "Mind Control"-Experimente der CIA auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges nährten den Verdacht, die Boys aus Langley, Virginia, könnten bei der Planung und Durchführung des RFK-Attentats mit im Spiel gewesen sein. Robert Kennedy wollte den Vietnamkrieg schnellstmöglich beenden. Er trat für Bürgerrechte ein und kümmerte sich um die sozial Benachteiligten. Er hatte bei den Armen und ethnischen Minderheiten seine stärkste Anhängerschaft und besaß ein unbezwingbares Charisma. Für die Betonköpfe des politisch-militärischen Establishments war ein Präsident Robert F. Kennedy gleichbedeutend mit der Machtübernahme des Kommunismus.
 
Das musste auch in der CIA so gesehen worden sein, jahrzehntelang die international operierende Speerspitze der USA im Kampf gegen die "rote Gefahr". Doch beweisen ließ sich diese Vermutung nie. Alle Versuche von Sirhans Anwalt Larry Teeter, den Prozeß gegen seinen Mandanten neu aufzurollen und dabei alle bekannten Ungereimtheiten früherer Untersuchungen auf den Tisch zu legen, scheiterten bis heute an der Polizei von Los Angeles (LAPD) und an der kalifornischen Justiz.
 
Achtunddreißig Jahre nach den Schüssen im Ambassador-Hotel könnte sich dies nun ändern.
 
Nach jahrelangen Recherchen hat der britische Journalist Shane O'Sullivan, der ursprünglich nur ein Drehbuch über das RFK-Attentat schreiben wollte, Foto- und Filmdokumente zutagegefördert, die den Verdacht gegen die CIA erhärten. Am 20.11.2006 berichtete O'Sullivan von seinen sensationellen Entdeckungen in "Newsnight", dem zentralen TV-Nachrichtenmagazin der britischen BBC. Seither werden immer mehr Stimmen laut, die den Mordfall RFK neu aufgerollt sehen wissen wollen - und den Fall JFK gleich dazu. Denn zwischen beiden Attentaten scheint eine "CIA-Connection" zu bestehen.
 
O'Sullivan arbeitete sich durch bislang ungesichtet gebliebenes Video- und Fotomaterial, das während der Mordnacht im "Ambassador"-Hotel entstanden war. Er konnte drei Personen als CIA-Agenten identifizieren; zwei entfernten sich kurz nach den Schüssen auf Kennedy rasch aus der Kaltküche des Hotels. Um Fehler bei der Identifizierung auszuschließen, legte O'Sullivan seine Dokumente ehemaligen CIA- und US-Army-Leuten vor, die die drei Agenten persönlich kannten. Ergebnis: Bei den gezeigten Männern handelt es sich um die damaligen CIA-Männer David Sanches Morales, Gordon Campbell und George Joannides. Bis auf Campbell sind die beiden anderen inzwischen verstorben.
 
Alle drei arbeiteten 1963 zusammen auf einem CIA-Stützpunkt in Miami, Florida, an einem geheimen Programm der Agency gegen Fidel Castro. Bradley Ayers, ein pensionierter, damals auf dem Stützpunkt stationierter US-Army-Captain, bestätigt gegenüber O'Sullivan die Identität von Morales und von Campell, die er auf den "Ambassador"-Videos sofort wiedererkennt:
 
"Die Körpersprache hier ist sehr, sehr charakteristisch für Morales, keine Frage!" Und zu Campbell: "Ich kann mit 90%iger Sicherheit bestätigen: Gordon Campbell - absolut!"
 
Ayers kannte Morales gut. Mit ihm hatte er Exilkubaner in Sabotagetechniken gegen das Castroregime trainiert. Offiziell war Morales 1968 in Laos stationiert. Was macht er plötzlich in Los Angeles, wo zudem das operative Aufgabengebiet der CIA qua Gesetz allein im Ausland liegt?
 
Morales und Campbell hassten Präsident Kennedy und seinen Bruder Robert, US-Justizminister von 1961 bis 1964, dafür, dass sie der CIA die Unterstützung entzogen, nachdem am 21. April 1961 auf Kuba die CIA-gesteuerte exilkubanische Invasion in der Schweinebucht kläglich gescheitert war. Gegenüber seinem Anwalt Robert Walton - auch er wird von O'Sullivan interviewt - gab Morales später zu, in beide Kennedy-Attentate involviert gewesen zu sein - aus Rache für die Schweinebucht.
 
Wayne Smith, ein früherer US-Diplomat, kannte Morales aus verschiedenen Begegnungen in der US-Botschaft von Havanna und in Buenos Aires. O'Sullivan besucht Smith und führt ihm die Filmaufnahmen aus dem Ballsaal des "Ambassador" vor: "Das ist er - das ist Morales!" ruft Smith aus und zeigt schwer atmend auf das Filmbild.
 
In Los Angeles trifft der BBC-Journalist einen weiteren Zeugen, der in der fraglichen Mordnacht in der Menge zu Robert Kennedy hinaufsah: David Rabern, ein ehemaliger Söldner, den die CIA 1961 für die Schweinebucht-Invasion angeheuert hatte. Mit Fotos und Videoaufnahmen der beiden CIA-Agenten konfrontiert, kann Rabern sich erinnern, beide im Gespräch in der Hotel-Lobby gesehen zu haben. Campbell, so erinnert sich Rabern, sei ihm schon Monate zuvor auf diversen Polizeirevieren von Los Angeles aufgefallen, obwohl die CIA nur im Ausland hätte tätig werden dürfen.
 
Joannides, der dritte, den O'Sullivan auf dem "Ambassador"-Material identifizieren kann, war bei der CIA in Miami Chef der Abteilung Psychologische Kriegsführung gewesen. In den 70er Jahren ging er in Pension, tauchte allerdings 1978 für Monate noch einmal in Washington auf, um als Verbindungsmann des Geheimdienstes zu einem Untersuchungsausschuss des US-Kongresses zu fungieren, der sich mit den Verschwörungstheorien in den Mordfällen John F. Kennedy und Martin Luther King befasste.
 
O'Sullivan befragt Ed Lopez, einen früheren Mitarbeiter des Ausschusses, ob er George Joannides als Ballsaalbesucher in der RFK-Mordnacht auf den mitgebrachten Fotos wiedererkennt: "Ja", sagt er, während er nachdenklich das Foto betrachtet, das der Journalist ihm vorlegt, "ja, das ist George Joannides, der Mann mit dem ich viele Stunden zusammen verbrachte."
 
Lopez kann sich erinnern, dass er 1978 über Monate mit Joannides iin dem Kongress-Ausschuss zu tun hatte; und dass dieser CIA-Mann es war, der sich oft geweigert hatte, Geheimdossiers der CIA für den Ausschuss freizugeben - Dossiers jener Behörde, die in den Untersuchungen des Kongresses eigentlich zentral auf ihre mögliche Mitwirkung bei den politischen Attentaten der 60er Jahre hätte überprüft werden sollen. Dem Ausschuss gegenüber hatte Joannides seine frühere Position in Miami denn auch wohlweislich verschwiegen. Das Ergebnis der Untersuchungskommission - keine Verschwörung in den Fällen JFK und MLK - kann unter diesen Umständen, so meint O'Sullivan, natürlich nur von begrenzem Wert sein.
 
Alle von O'Sullivan Interviewten können am Schluss des BBC-Berichtes ihre Verblüffung nicht verhehlen: CIA-Männer auf einer Vorwahlkampfveranstaltung in den USA - etwa zum Schutz des Senators?
 
"Nicht in meinen wildesten Phantasien!", lacht Ex-Captain Ayers. Der frühere CIA-Söldner David Rabern fügt nachdenklich hinzu: "Ich bin überrscht - das wurde ja niemals untersucht!"
 
Was also hatten jene Leute dort zu tun gehabt?
 
"Die CIA und die Polizei von Los Angeles schulden der Öffentlichkeit eine Erklärung", schließt O'Sullivan. Der Journalist ist überzeugt, dass er mit seinen Recherchen die Tür für eine erneute Untersuchung der großen drei politischen Mordfälle der sechziger Jahre in den USA aufgestoßen hat.
 
Ohne entsprechenden Druck der US-amerikanischen Öffentlichkeit dürfte dies freilich nur schwer gelingen.


Sirhan B. Sirhan bei einem Begnadigungstermin 2002


Für Sirhan B. Sirhan bedeutet der BBC-Bericht dennoch die aktuell einzige Hoffnung, doch noch eines Tages als unschuldig aus der Haft entlassen zu werden - wenn die neuen Erkenntnisse denn genügend Resonanz in den USA selbst auslösen. Die Aussichten dafür stehen denkbar schlecht. Denn die USA haben derzeit mit dem Irakkrieg und den Vorgängen, die zu seinem katastrophalen Scheitern geführt haben, genug zu tun. Und sich für einen Palästinenser zu engagieren, der als Mörder einer Ikone der modernen amerikanischen Geschichte gilt, dürfte gerade heute nicht sehr populär sein. Erst recht, wenn sich in Palästina selbst noch lautstarkes Interesse an dem Fall eines womöglich unschuldigen Landsmannes bemerkbar machen würde...

Nach jahrelanger Arbeit mit seinem 2005 verstorbenen Anwalt Larry Teeter ist Sirhan inzwischen davon überzeugt, dass er zu seiner Tat mittels psychologischer Manipulation bzw. "Gehirnwäsche" abgerichtet wurde, dass nicht seine Schüsse Kennedy tatsächlich töteten, sondern jene aus der Waffe eines anderen, möglicherweise des Sicherheitsmannes Thane Eugene Cesar, der trotz seiner Bewaffnung unbehelligt den Tatort verlassen konnte - eine der vielen Merkwürdigkeiten, die im Mordfall Robert F. Kennedy ohne schlüssige Erklärung geblieben sind.
 
Noch hat Sirhan keinen neuen Anwalt, der sich seiner annimmt. Dieser müsste schon viel Enthusiasmus, Durchhaltekraft und nicht zuletzt Vermögen besitzen, einen mittellosen Palästinenser zu verteidigen, von dem es heißt, ohne seine - sehr wahrscheinlich nicht von ihm begangene - Tat wäre Robert F. Kennedy mit großer Sicherheit Präsident und die Geschichte der USA eine womöglich ganz andere geworden, als sie sich heute darstellt.


 
BBC-Bericht (Link zu O'Sullivans Report im Text):
http://tinyurl.com/yzejpr
Originlal-URL:
http://news.bbc.co.uk/2/hi/programmes/newsnight/6169006.stm
 
Infos zum RFK-Mord: http://www.lifeinfo.de/inh1./texte/Teeter_Sirhan.html
 
 
Zu life-info.de


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