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Kommentar von Jürgen Hanefeld, NDR-Info

Osama auf Tonband

"Man muß ganz schön verzweifelt sein in Washington, wenn man mit solcherart Beweismitteln zu überzeugen versucht"

Kommentar "Echo des Tages" und "Standpunkte"
12.02.03

Welch ein Wirrwarr: Die NATO ist zerstritten und angesichts ihrer Zerstrittenheit ratlos. Amerika drängt auf Krieg, hat aber Schwierigkeiten, ihn zu legitimieren. Deutsche und Franzosen stehen auf der Bremse. Polen dagegen schreit „Hurra!", vielleicht schon deshalb, weil Rußland wiederum die belgisch-deutsch-französische Linie stützt - desgleichen die Chinesen. Wirklich in der Klemme sitzt die Türkei: Wer Saddam zum Nachbarn hat und deshalb als Aufmarschgebiet amerikanischer Soldaten herhalten muß, verläßt sich lieber auf den Schutz der einzig verbliebenen Weltmacht als auf wohlmeinende Worte aus Berlin und Paris. Andererseits wird dort eines nicht allzu fernen Tages über den so dringlich herbeigesehnten Beitritt der Türkei zur Europäischen Union entschieden. Ein Dilemma!

Was der Diktator in Bagdad wohl denkt? Ginge es nicht um sein und womöglich Millionen weitere Leben, dann könnte er sich angesichts der transatlantischen Chaoten-Combo in sein Despotenfäustchen lachen. Da hilft es überhaupt nicht, wenn die Führungsmacht des Westens ein Kaninchen nach dem anderen aus dem Hut zieht - und sich damit ein ums andere Mal blamiert. Erst kündigt Colin Powell mit großem Getöse Beweise gegen Saddam Hussein an, um dann eine schummrige Tonbildschau zu präsentieren, die mehr Zweifel weckt als ausräumt. Da entpuppen sich angeblich schlagkräftige Erkenntnisse des britischen Geheimdienstes als falsch abgeschriebenes Studentenstückwerk. Und nun Osamas Tonband. Der US-Verteidigungsminister sieht darin die - Zitat - „Verknüpfung von Terroristen und Staaten, die Massenvernichtungswaffen entwickeln".

Im Klartext: Al Kaida und der Irak stecken unter einer Decke. Warum nicht gleich: Saddam als Mastermind des 11. September?

Man muß ganz schön verzweifelt sein in Washington, wenn man mit solcherart Beweismitteln zu überzeugen versucht. Schon das Timing war eher verdächtig. Wieso und woher wußte Colin Powell von der Existenz des ominösen Tonbandes, lange bevor der ausstrahlende Sender Al Jazeera davon Kenntnis hatte? Warum taucht Osamas Botschaft ausgerechnet jetzt auf, wo auch die Stimmung in den USA sich gegen die Kriegslust des Präsidenten zu wenden beginnt? Wieso meldet sich der immer wieder totgesagte Terroristenchef nicht wie in der Vergangenenheit auf einem verwaschenen Video, sondern gleichsam in Hörfunkqualität zu Wort? Man muß übrigens nicht beim Radio arbeiten, um zu wissen, daß sich Tondokumente ohne großen Aufwand fälschen lassen. An Lächerlichkeit grenzt die Einlassung sogenannter Sicherheitskreise diesseits und jenseits des Atlantik, die nun erklären, die Arabisch sprechenden Tonbandstimme - Zitat - „höre sich sehr nach ihm an". So wie sich Elmar Brand nach dem Kanzler anhört? Natürlich könnte das Band auch echt sein. Dann freilich ist zu fragen, wie eine Solidaritätsadresse Osamas an das irakische Volk als Bruderpakt zwischen Bagdad und Al Kaida mißverstanden werden kann - zumal, wenn sich Osama darin auch noch ausdrücklich vom Regime Saddam Husseins distanziert?

So gesehen belegt dieses Tonband - ob echt oder gefälscht - eigentlich überhaupt nichts, außer der immer deutlicher zutage tretenden Tatsache, daß die US-Regierung ernste Schwierigkeiten hat, den Krieg, den sie offenbar partout führen will, zu legitimieren. Die Mehrheit des Weltsicherheitsrates glaubt einfach nicht, daß Saddam Hussein die USA oder den Rest der Welt akut bedroht. Die angebliche Gefahr mit windigen Beweisen zu belegen, nützt nicht nur nichts, es schadet, weil es die Glaubwürdigkeit der westlichen Führungsmacht untergräbt. Darin liegt die eigentliche Gefahr für ein Bündnis, das nicht zuletzt geschmiedet wurde, um gemeinsame Werte zu verteidigen.
 
Jürgen Hanefeld
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