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Meinung

Ab heute wird zurückgeschossen
Warum Journalisten im Irak selbst zur Kriegspartei wurden
 
Seit mehr als zwei Jahrzehnten ist der Journalist Brent Sadler in den Kriegen und Krisen dieser Welt unterwegs. Im Irak hatte der CNN-Reporter einen Scoop: Er war der Erste, der aus Saddam Husseins Hochburg Tikrit berichtete, noch bevor die Stadt fiel. Der Einsatz wäre um ein Haar sein letzter gewesen: Das CNN-Team wurde von irakischen Truppen beschossen, ein Mitarbeiter verletzt. „Es war ein ziemlich hässlicher Moment", so Sadler. Das dürfte stimmen.

Doch der CNN-Mann hat keinen Grund, sich zu beschweren: Er hat sich freiwillig zur Kriegspartei gemacht.
 
Der Journalist Sadler hat getan, was bisher nicht zu den Tätigkeiten eines Medienmenschen zählte: Er hat zurückgeschossen. Der CNN-Reporter hatte bewaffnete „Sicherheitsberater", sprich Leibwächter, dabei. Mindestens einer davon erwiderte mit einer automatischen Waffe das Feuer der Angreifer. Sadler und seine CNN-Truppe dürfen sich rühmen, den Kalaschnikow-Journalismus salonfähig gemacht zu haben: Galt bisher der Grundsatz, dass Reporter unbewaffnet sind und damit keine Gefahr für die Kriegsparteien darstellen, wird nun neben dem Bleistift die Bleispritze zum journalistischen Arbeitsgerät. So gerät die Kriegsberichterstattung zum paramilitärischen Abenteurertum mit publizistischer Breitenwirkung - und Journalisten werden zwangsläufig selbst zum Ziel.
 
Im Irak-Krieg haben sich die Grenzen zwischen Journalismus und Kriegshandwerk ohnehin erstaunlich verwischt. Erstmals haben sich Journalisten scharenweise in eine Armee eingereiht und sich zu deren Sprachrohr gemacht. Von Fehlern der amerikanischen und britischen Soldaten war selten die Rede, erfolgreich kämpfende irakische Soldaten waren nie zu sehen. Auch getötete Zivilisten kamen kaum ins Bild.
 
Alle riefen „Wow"
 
Dafür wird der Reporter selbst zum Kriegshelden. Bei mancher BBC- Reportage entstand der Eindruck, als ob der Informationswert mit dem Kaliber der herbeifliegenden gegnerischen Geschosse steigen würde. Zwangsläufig gerät bei dieser Art des Huckepack-Journalismus der Grundsatz der Unparteilichkeit ins Hintertreffen. Als sich von einem US-Kriegsschiff eine Cruise-Missile mit Feuerschweif in den nächtlichen Himmel und Richtung Bagdad hob, rief der britische Fernsehmann im Chor mit den US-Matrosen „Wow" ins Mikrophon. Man muss nicht friedensbewegt sein, um solche Szenen als Kriegstreiberei zu empfinden. Der US-Sender Fox-News, Lieblingsstation von Präsident Bush, verlegte sich darauf, die „Gesichter der Helden des Kriegs" zu zeigen. Mag sein, dass Fox sich längst als vierte Waffengattung der US-Army begreift, deren Reporter vor dem Live-Gespräch mit dem Mikro salutieren. Mangelnde Distanz war aber nicht nur bei Fox das Augenfällige dieses Kriegs.
 
Eine Umwertung aller journalistischen Werte ist zu beobachten. Statt als unparteiischer Einzelgänger unterwegs zu sein und das Geschehen nach Möglichkeit auf beiden Seiten zu beobachten, fügt sich der embedded- Journalist ein in die Ordnung der Armee und macht sich selbst zur Kriegspartei. Dabei ist die journalistische Selbstkastration unnötig: Nicht nur die Sender und Verlage brauchen Bilder und Geschichten. Armeeführer und Regierungschefs sind nicht weniger auf Berichterstattung angewiesen. Hätte sich keiner „embedden" lassen, hätten sich die PR-Offiziere weit mehr anstrengen müssen, ihre frohe Botschaft vom Befreiungsfeldzug im Irak unters Volk zu bringen.

TOMAS AVENARIUS




 



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